Zweistufiges modifiziertes Delphi-Verfahren
Das zweistufige Delphi-Verfahren sieht grundsätzlich zwei Delphirunden vor. Vor Beginn der ersten Delphi-Runde werden den Bewertern die recherchierte Original-Literatur und deren zusammengefassten Ergebnisse zur Verfügung gestellt.
Das zweistufige modifizierte Delphi-Verfahren stützt sich auf einen Stimmzettel:
Der Stimmzettel enthält die angepasste Kernaussage zu jedem zu bewertenden Qualitätsindikator:
Beispiel für einen Prozessindikator: Ein intraoperatives Präparatröntgen bei Brusttumoren führt zu einer Verringerung der Rezidivrate.
Beispiel für einen Ergebnisindikator: Wundinfektionen nach Hysterektomie können durch bestimmte Prozesse (z. B. Antibiotikaprophylaxe) vom Leistungserbringer verringert werden.
Der Stimmzettel gibt folgende Antwortmöglichkeiten vor:
1 = trifft nicht zu, 2 = trifft eher nicht zu, 3 = trifft eher zu, 4 = trifft zu, Enthaltung
Zusätzlich gibt es die Möglichkeit der Freitexteingabe für Kommentare und Literaturergänzungen.
- Erste Delphi-Runde:
Erhebung: Der Stimmzettel wird allen Bewertern per Post oder per E-Mail zugeschickt. Ein verbindlicher Abgabetermin für ausgefüllte Fragebögen wird festgesetzt. Eventuell werden die Bewerter an ihre Abstimmung erinnert.
Auswertung: Aus der ersten Delphi-Befragung werden die Ergebnisse zuzüglich Mittelwert dargestellt. Zusätzlich werden alle Kommentare und Literaturergänzungen der Bewerter ohne Angabe des Autors zusammengestellt. Diese Informationen werden unkommentiert allen Bewertern zugeschickt als Grundlage für die zweite und letzte Delphi-Runde.
Antwortbeispiel mit sieben Bewertern: 1, 1, 1, 2, 2, 3, eine Enthaltung. Vier Stimmzettel enthalten zusätzlich einen Kommentar.
Darstellung der Ergebnisse nach der ersten Runde:
3 mal 1 = „trifft nicht zu“, 2 mal 2= „trifft eher nicht zu“, 1 mal 3 = „trifft eher zu“, 0 mal 4 = „trifft zu“, einmal „Enthaltung“.
Mittelwert: (1+1+1+2+2+3)/6 = 1,67 (Die Enthaltung fließt nicht in den Mittelwert ein).
Auflistung der vier Kommentare.
- Zweite Delphi-Runde:
Erhebung: Die Erhebung erfolgt analog der ersten Delphi- Runde.
Auswertung: Aus den Bewertungen der Kernaussage in der zweiten Delphi-Runde wird die Konsensstärke (K1 bis K4) ermittelt. Die jeweilige Indikatorevidenz ergibt sich dann gemeinsam aus der Evidenzstärke und Konsensstärke. Die Festlegung erfolgt an Hand des Algorithmus‘ aus Abbildung 2.
| Konsensstärke 1 (K1) |
Konsens im Delphi-Verfahren, alle Beteiligten |
| Konsensstärke 2 (K2) |
Konsens im Delphi-Verfahren, ein Teil der Beteiligten |
| Konsensstärke 3 (K3) |
Informeller Konsens oder mehrheitliche Zustimmung im Delphi-Verfahren |
| Konsensstärke 4 (K4) |
keine Zustimmung |
Ob Konsens, mehrheitliche Zustimmung oder keine Zustimmung vorliegt, wird nach folgendem Schema festgelegt: Es wird zunächst die Anzahl der Bewertungen mit Zustimmung zur Kernaussage (alle Bewertungen mit 3 oder 4) bestimmt. Des Weiteren werden die gültigen Stimmen gezählt (Bewertung 1 bis 4, Enthaltungen sind ausgenommen).
Konsens wird dann angenommen, wenn
- >= 3/4 aller gültigen Bewertungen 3 = „trifft eher zu“ oder 4 =„trifft zu“ lauten (abrunden: Beispiel: ¾ von 10=7)
und gleichzeitig - >= 50% der Teilnehmer gültig bewerten (Bewertungen 1 bis 4).
Der Konsens ist dann informell, wenn er einfacher Abstimmung, z. B. per Handzeichen und nicht im Delphi-Verfahren erreicht wurde.
Mehrheitliche Zustimmung wird dann angenommen, wenn
- > 50% und < 3/4 aller Bewertungen 3 = „trifft eher zu“ oder 4 =„trifft zu“ lauten
und gleichzeitig - >= 50% der Teilnehmer gültig bewerten (Bewertungen 1 bis 4).
Keine Zustimmung: <= 50% Bewertungen mit 3 = „trifft eher zu“ oder 4 = „trifft zu“
oder > 50% Enthaltungen
Alle Beteiligten: Arzt, Pflegender, Patientenvertreter
Kommentar:
Das Delphi-Verfahren kann modifiziert werden im Sinne eines Breitband-Delphi-Verfahrens. Im Unterschied zum Standard-Delphi-Verfahren wird die Fragestellung zunächst in der Gruppe offen diskutiert. Auch die Ergebnisse der ersten Delphi-Runde werden vor der zweiten Bewertung diskutiert. Wie beim Standard-Delphi-Verfahren ist die Bewertung jedoch streng anonym (Anonymität zwischen den Bewertern) durchzuführen.
Mögliche Vorteile des Breitband-Delphi-Verfahrens sind ein Zeitgewinn in der zweiten Delphi-Runde, ein höherer Rücklauf als im E-mail-Verfahren und eine Beschleunigung und Stärkung der Konsensbildung durch den gegebenen Informationsaustausch.
Ein möglicher Nachteil des Breitband-Verfahrens ist die Meinungsbildung durch Gruppendynamik/-zwang.