Rationale
Durchleuchtungsdauer bei Koronarangiographien
Ein Herzkathetereingriff führt durch die mehrere Minuten dauernde
Anwendung von Röntgenstrahlen zur Strahlenbelastung für den Patienten
und für den Untersucher. Durch die Strahlenbelastung bei
Herzkathetereingriffen erhöht sich das Krebsrisiko v. a. für
Lungenkrebs (Rossetti et al. 1998, Harrison et al. 1998). Selten werden
bei Patienten nach interventionellen Eingriffen Strahlenschäden der
Haut, so genannte Radiodermatitiden, beobachtet (Wolff et al. 2004).
Die amerikanische Leitlinie zum Katheterlaborstandard empfiehlt,
bezüglich der Strahlungsbelastung einer Katheterintervention das
ALARA-Prinzip zu beachten ("as low as reasonably achievable" (Bashore
et al. 2001).
Die Energiemenge von Röntgen- oder Gammastrahlen, die pro
Masseneinheit eines Körpers aufgenommen wird, wird in gray units (Gy)
gemessen. Das Flächendosisprodukt (Gy cm2 = 100 cGy cm2) ist definiert
als Produkt aus der bestrahlten Fläche und der dort wirksamen Dosis.
Ein weiterer wichtiger Parameter ist die Durchleuchtungsdauer. In der
Regel besteht eine Korrelation zwischen Flächendosisprodukt und
Durchleuchtungsdauer (Larrazet et al. 2003).
Diverse Studien untersuchen die Strahlenbelastung von Patienten bei
diagnostischen Herzkathetereingriffen. Eine englische Studie des
National Radiology Protection Board (NRBP, Hart et al. 2000) der Jahre
1996 bis 2002 ergab bei 8.000 Koronarangiographien eine mittlere
Durchleuchtungsdauer von 260 sec (4 min 20 sec). Im QuIK-Register lag
2002 die durchschnittliche Durchleuchtungszeit bei Koronarangiographien
bei 4,4+/-11,8 min (Levenson et al. 2003).
Die Durchleuchtungsdauer einer Herzkatheteruntersuchung hängt u. a.
davon ab, ob nur eine Koronarangiographie oder ob zusätzlich weitere
radiologische Untersuchungen wie z. B. eine Ventrikulographie,
durchgeführt werden. Für isolierte Koronarangiographien geben Clark et
al. in einer Studie aus schottischen Herzkatheterlabors im Mittel eine
Durchleuchtungsdauer von 2,89 min an. Sie erhöht sich auf 3,07 min in
Verbindung mit einer Linksherz-Ventrikulographie und auf 7,40 min in
Verbindung mit einer Aortographie (Clark et al. 2000). Die Anwendung
neuer digitaler Techniken, wie z. B. der
Flat-Panel-Fluoroskopie-Technik (FPF) in der Koronarintervention
scheint die Durchleuchtungsdauer und damit die Strahlenbelastung zu
reduzieren (Tsapaki et al. 2004).
Das Bundesamt für Strahlenschutz (2003) legt für
Koronarangiographien (im Gegensatz zu den PTCA) keine Referenzwerte der
Durchleuchtungsdauer fest.
Der Referenzwert des britischen National Radiology Protection Board
(Hart et al. 2000) bei Koronarangiographie liegt bei (maximal) 5,6
Minuten. Das europäische Consortium Measures for Optimising
Radiological Information and Dose in Digital Imaging and Interventional
Radiology (DIMOND) empfiehlt (maximal) 7,5 Minuten für
Koronarangiographien (Neofotistou et al. 2003).
Ein Strahlungsbelastungsvergleich zwischen durch Kardiologen und
durch Radiologen durchgeführten Koronarangigoraphien zeigte bei der
Durchleuchtungsdauer keinen Unterschied. Die niedrigsten
Durchleuchtungszeiten wiesen erfahrene Kardiologen auf (Artur et al.
2002). Dass mit steigender Erfahrung des untersuchenden Arztes die
Durchleuchtungsdauer sinkt, wird auch von anderen Studien bestätigt
(Neofotistou et al. 2003).
Die Fachgruppe Kardiologie hat entschieden, anstatt des eher
patientenabhängigen Flächendosisprodukts beginnend mit der
Bundesauswertung 2004 die eher vom Untersucher abhängige
Durchleuchtungsdauer als Qualitätsindikator einzuführen.
Durchleuchtungsdauer bei PTCA
Diverse Studien untersuchen die Strahlenbelastung von Patienten bei therapeutischen Herzkathetereingriffen.
Eine englische Studie des National Radiology Protection Board (NRBP,
Hart et al. 2002) der Jahre 1996 bis 2002 ergab bei 334 PTCA eine
mittlere Durchleuchtungsdauer von 878 sec (14 min 18 sec). Im
QuIK-Register lag 2002 die durchschnittliche Durchleuchtungszeit bei
PTCA bei 8,4+/-13,4 min (Levenson et al. 2003).
Die Durchleuchtungsdauer bei Koronarinterventionen ist abhängig von
der Art und Komplexität des durchgeführten Eingriffes (Padovini et al.
2001, Fransson und Persliden 2000). So lag z. B. in einer Untersuchung
von Kuon et al. die 95%-Perzentile bei elektiven PCI bei 16 min, bei
Rekanalisation eines chronischen Verschlusses bei 25 min und bei einer
Notfall-PCI bei 24 min (Kuon et al. 2004). Die Anwendung neuer
digitaler Techniken, wie z. B. der Flat-Panel-Fluoroskopie-Technik
(FPF) in der Koronarintervention scheint die Durchleuchtungsdauer und
damit die Strahlenbelastung zu reduzieren (Tsapaki et al. 2004).
Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt als Referenzwert für PTCA bei
Erwachsenen eine Durchleuchtungsdauer von (maximal) 20 min an (Silber
et al. 2005). Zum Vergleich: Das europäische Consortium Measures for
Optimising Radiological Information and Dose in Digital Imaging and
Interventional Radiology (DIMOND) empfiehlt (maximal) 17 Minuten für
PTCA (Neofotistou et al. 2003).
Es wird angenommen, dass mit steigender Erfahrung des untersuchenden
Arztes die Durchleuchtungsdauer sinkt (Neofotistou et al. 2003,
Ijsselmuiden et al. 2004).