Rationale
Bei der Auswahl des Schrittmachersystems
lassen sich vor allem zwei Stimulationskonzepte unterscheiden: die (apikale)
ventrikuläre Stimulation mit einer Sonde im rechten Ventrikel (VVI-Modus)
und die vorhofbeteiligte so genannte physiologische Stimulation mit Sonden
im rechten Vorhof (AAI) oder im rechten Vorhof und Ventrikel (DDD oder
VDD-Modus).
Pathophysiologische Untersuchungen zeigen, dass bei ventrikulärer
Stimulation myozelluläre Veränderungen (Remodelling) vor
allem im linken Ventrikel auftreten. Durch asymmetrische Hypertrophie
des linken Ventrikels, interventrikuläre und intraventrikuläre
Asynchronie kann es zur Einschränkung der Pumpfunktion des Herzens
kommen (van Oosterhout 1998, Karpawich et al. 1999, Tantengco et al.
2001, Fröhlig 2004). Unter hämodynamischen Aspekten ist somit
eine vorhofbeteiligte av-sequentielle Schrittmacherstimulation eher
zu bevorzugen, da die Pumpleistung des Herzens hierbei in Ruhe und
bei Belastung höher ist als bei rein ventrikulärer Stimulation.
Die Frage, ob die vorhofbeteiligte Stimulation bei SSS als rein atriale
oder als av-sequentielle Stimulation erfolgen sollte, ist Gegenstand
aktueller Studien.
Frühe Studien, welche der av-sequentiellen Stimulation deutlich
bessere Ergebnisse bescheinigen, basierten meist auf geringen Fallzahlen
oder Beobachtungen. Erst in den letzten Jahren wurde die Notwendigkeit
großer randomisierter Studien erkannt (Montanez et al. 2003).
In diesen in den USA, Kanada und Großbritannien durchgeführten
Studien (meistens Patienten mit SSS oder AV-Block) konnte die Überlegenheit
der vorhofbeteiligten Systeme hinsichtlich der Endpunkte Tod, Auftreten
von chronischem Vorhofflimmern, Thromboembolie, Schlaganfall oder hinsichtlich
der Lebensqualitätsverbesserung nicht immer nachgewiesen werden
(Trohman et al. 2004).
Die 5-Jahres-Follow-Up-Studie (210 Patienten) von Mattioli et al.
(Mattioli et al. 1998) berichtet von einer geringeren Vorhoflimmer-
und Schlaganfallrate unter vorhofbeteiligter Stimulation bei SSS-
und AV-Block-Patienten, wobei SSS-Patienten eher von vorhofbeteiligter
Stimulation profitierten.
In der Pacemaker Selection in the Elderly (PASE)-Studie (407
Patienten, Lamas et al. 1998) stieg lediglich in der Subgruppe der
SSS-Patienten unter physiologischer Stimulation die empfundene Lebensqualität
stärker als bei ventrikulärer Stimulation. Folgeauswertungen
wiesen auf eine geringe Vorhofflimmerrate bei physiologischer Stimulation
hin (Stambler et al. 2003).
Ähnliche Ergebnisse zeigte eine Follow-Up-Studie bei 225 Sinusknotensyndrom-Patienten
(Andersen et al. 1997, Andersen et al. 1999). Bei Patienten mit physiologischer
Stimulation waren bessere Ergebnisse hinsichtlich Vorhofflimmerns,
thromboembolischer Komplikationen, Herzinsuffizienz, und kardialer
Sterblichkeit zu beobachten.
In der Canadian Trial of Physiological Pacing (CTOPP)-Studie mit
2.568 Patienten war die Vorhofflimmerrate nach 2 Jahren bei vorhofbeteiligter
Stimulation signifikant niedriger, nicht aber die Schlaganfallrate
und Mortalität (Connolly et al. 2000, Kerr et al. 2004) oder die
Lebensqualität (Newmann et al. 2003). Schrittmacherabhängige
Patienten profitierten (bezüglich Tod und Schlaganfall) eher
von vorhofbeteiligten Systemen (Tang et al. 2001).
Bei Patienten mit Sinusknotensyndrom in der Mode Selection
Trial in Sinus-Node Dysfunction (MOST)-Studie wiesen
Patienten mit physiologischer Stimulation ebenfalls weniger Vorhofflimmern
sowie weniger Herzinsuffizienzzeichen und eine höhere Lebensqualität
auf (Lamas et al. 2002). Bezüglich der primären Studienendpunkte
Tod oder Schlaganfall gab es keine signifikanten Differenzen.
Lemke et al. (2003) fassen die Studienlage wie folgt zusammen (Evidenzlevel
nach den Kriterien der ACC/AHA):
- Vorhofflimmern: Die vorhofbeteiligte
Stimulation verhindert Vorhofflimmern besser als ventrikuläre
Stimulation (Evidenzlevel A).
- Thromboembolien: bei der Verhinderung
von Thromboembolien spielt der Schrittmacher-Mode eine untergeordnete
Rolle (Evidenzlevel B)
- Mortalität: Die Mortalität
scheint bei Patienten mit SSS, mit Alter < 74 Jahre und mit spontaner
Herzfrequenz <= 60/min unter vorhofbeteiligter Stimulation geringer
zu sein (Evidenzlevel B)
- Herzinsuffizienz, Belastbarkeit, Lebensqualität:
Patienten mit SSS und mit häufiger Schrittmacherstimulation
scheinen hier eher von vorhofbeteiligter Stimulation zu profitieren
(Evidenzlevel B)
- Komplikationen: Bei Systemen mit
vorhofbeteiligter Stimulation ist die Komplikationsrate höher
(Evidenzlevel A)
- Kosten: bei Patienten mit Schrittmacherbedürftigkeit
ist der Verzicht auf ein teureres DDD-System nicht zu begründen
(Evidenzlevel C). Bei SSS-Patienten werden AAI-Systeme zu wenig genutzt
(Evidenzlevel B).
Castelnuovo et
al. (2005) errechnten, dass sich die Kosteneffetivität für
Einkammer- und Zweikammersysteme v. a. i m Langzeitverlauf kaum unterscheiden.
Zur Systemwahl gibt die deutsche (Lemke et al. 2005) differenzierte
Empfehlungen ab:
- AV-Block bzw. intraventrikuläre
Leitungsstörungen
Die vorhofbeteiligende Stimulation
(DDD/VDD) ist hämodynamisch
günstiger als die VVI-Stimulation. Für besondere Konstellationen
gibt die Leitlinie weitergehende Empfehlungen.
- Bradykardie bei permanentem Vorhofflimmern
Bei
schrittmacherbedürftigem permanenten Vorhofflimmern ist ein
VVI- Schrittmacher indiziert.
- Sinusknoten-Syndrom
Bei erhaltener
AV-Überleitung ist unter definierten Umständen
die AAI-Stimulation die optimale Stimulationsform. Bei seltenen paroxysmalen
Pausen (<5%) kann eine VVI-Stimulation angezeigt sein. In der
Regel werden SSS-Patienten mit DDD-System versorgt.
- CCS und VVS
Die Zweikammerschrittmacher DDD erhält
die Hämodynamik aufrecht
durch AV-sequenzielle Stimulation mit Verhinderung einer retrograden
Leitung.
Bis zum Erfassungsjahr 2005 bezog sich dieser Qualitätsindikator
auf die Leitlinien von 1996 (Lemke et al. 1996) und stellte nur die
Systemwahl bei SSS dar. Mit der Adaption an die aktuelle Leitlinie
2005 (Lemke et al. 2005) umfasst der Qualitätsindikator die Systemwahl
aller gängigen Indikationen.
Irwin et al. (Irwin et al. 2003) untersuchten anhand der Patientenakten,
in welchem Ausmaß die Systemauswahlempfehlungen der amerikanische
Leitlinie (Gregoratos et al. 2002) in der Praxis umgesetzt werden.
In immerhin 358 von 708 Patienten, bestand eine Abweichung von der
Leitlinie, 206mal war der gewählte Mode „höher“ und 152mal „niedriger“ als
von der Leitlinie empfohlen. In den meisten Fällen ließen
sich die Begründungen nachvollziehen, die ein Abweichen von der
Leitlinie rechtfertigen. In 21% ließ sich kein Grund für
die Wahl des Schrittmacher-Modes finden. Dabei wurden vor allem folgende
Konstellationen für fragliche Systemwahl beobachtet: Wahl eines
komplexeren (und teureren) DDD-Systems ohne erkennbaren Grund
und Wahl der Rate Response ohne erkennbaren Grund.
Møller und Arnsbo (2005) berichten im Jahresbericht des dänischen
Herzschrittmacherregister, dass im Jahre 2004 in zwischen 87,5% (AV-Block)
und 100% Vorhofflimmern der Fälle das empfohlene ("recommended")
System implantiert wurde. Als Gründe für abweichende Systemwahl
nannten sie u. a.: schwere chronische Erkrankung, schlechte Prognose
und technische Gründe.
Angesichts der Studienergebnisse der letzten Jahre fordern Ellbogen
und Wood ein kritisches Überdenken des Konzepts der physiologischen
Stimulation (Ellbogen und Wood 2005). Sie stellen fest, dass nach gegenwärtigem
Wissensstand weder der eindeutig beste Schrittmachertyp noch der beste
Programmiermodus oder die beste Sondenlage bekannt seien.