Rationale
Eine verzögerte operative Behandlung
der hüftgelenknahen Femurfraktur kann mit höheren Komplikationsraten,
z. B. bei Thrombose, Lungenembolie oder Dekubitus einhergehen. Gründe
für eine Verzögerung können z. B. internistische Probleme
aber auch Wartezeiten bei der Diagnostik oder fehlende Operationskapazitäten
sein (Charalambous et al. 2003).
Die internationalen Studien zur Abhängigkeit des Outcomes vom
Zeitpunkt der Operation differenzieren in der Regel bei hüftgelenknahen
Femurfrakturen nicht nach Schenkelhalsfrakturen (subcapital, cervical
oder femoral neck fracture) und pertrochantären Frakturen ((inter)trochanteric
fracture) sondern sprechen allgemein von „hip fracture“ bzw. „fracture
of the proximal femur“.
In einer prospektiv randomisierten Untersuchung konnte gezeigt werden,
dass die Entstehung von Femurkopfnekrosen osteosynthetisch versorgter
medialer Schenkelhalsfrakturen von der Länge des Intervalls zwischen
Unfall- und Operationszeitpunkt sowie vom primären Dislokationsgrad
der Fraktur abhängig ist (Kuner et al. 1995, Bonnaire et al. 1995).
Eine Analyse der externen Qualitätssicherungsdaten aus Westfalen-Lippe
der Jahre 1993-1998 zeigte, dass die Osteosynthese der Schenkelhalsfraktur
bei jüngeren Patienten in nur knapp 50% der Fälle bereits
am Aufnahmetag erfolgte (Smektala et al. 2001).
Die Studienergebnisse sind widersprüchlich bezüglich des
Einflusses des Operationszeitpunkts auf die Sterblichkeit. Orosz et
al. (2004), Moran et al. (2005) und Majumdar et al. (2006) fanden z.
B. bei jeweils großen Patientenkollektiven keinen signifikanten
Unterschied zwischen der Letalität nach früher oder später
Versorgung einer Hüftgelenksfraktur.
Andere Untersucher wie z.B. Dorotka et al. (2003,1), Doruk et al.
(2004), Gdalevich et
al. (2004) McGuire et al. (2004), Weller et al. (2005) und Petersen
et al. (2006) weisen auf niedrigere Letalitätsraten bei früherversorgten
Hüftgelenkfrakturen hin. Elliot et al. (2003) konstruierten mit
Hilfe eines logistischen Regressionsmodells einen Score zur Vorhersage
der Sterblichkeit von Patienten mit Hüftgelenksfraktur. Prädiktoren
waren neben der verspäteten Versorgung (> 24 h) das Alter,
das männliche Geschlecht, der ASA-Score, der ADL-Index und der
mentale Status des Patienten. Nach Weller et al. (2005) spielt auch
die Art der operierenden Institution eine Rolle, nach Versorgung in
einem Lehrkrankenhaus war die 1-Jahres-Sterblichkeit geringer als in
einem städtischen Krankenhaus. Bottle und Aylin (2006) ermittelten
anhand britischer Krankenhausdaten der Jahre 2001 bis 2004 eine Odds
Ratio für Tod bei mehr als einem Tag Verzögerung von 1,27.
Bergeron et al. stellte zwar einen längeren stationären
Aufenthalt bei später als 48 Stunden versorgten Patienten fest,
jedoch keine erhöhte Mortalität (Bergeron et al. 2006).
Sund und Liski weisen darauf hin, dass die Patientenklientel und die
Rahmenbedingungen der Versorgung wesentliche Einflussfaktoren auf den
Zeitraum bis zur operativen Versorgng haben (Sund & Liski 2006).
In der Leitlinie des Scottish Intercollegiate Guideline Network (SIGN
2002) wird die Empfehlung mit dem Empfehlungsgrad C (Klassifikation
nach SIGN) abgeleitet, Patienten mit Schenkelhalsfraktur so schnell
wie möglich zu Zeiten der allgemeinen Tagesarbeitszeit einschließlich
der Wochenenden (innerhalb von 24 Stunden) zu operieren, wenn es ihr
Allgemeinzustand erlaubt. Dorotka et al. (2003,2) zeigten, dass bei
gleicher Erfahrung des Operateurteams sich die Letalität von nachts
operierten Patienten mit Hüftgelenkfraktur nicht unterscheidet
von der Letalität nach Eingriffen während der regulären
Tagesdienstzeiten.
In der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie
(Stürmer 1999) wird bei osteosynthetischer Versorgung eine „Sofortoperation“ empfohlen
und bei endoprothetischer Versorgung eine „dringliche Frühversorgung“.
Die australische Leitlinie (Chilov et al. 2003) stellt aus einer Zusammenschau
der Literatur fest, dass bei hüftgelenknaher Femurfraktur eine „unangemessene“ Verzögerung
zu einer Erhöhung der Komplikationsrate führt. Sie empfiehlt
deshalb eine Versorgung innerhalb von 24 bis 36 Stunden.
Allerdings können in der Praxis nicht alle Patienten - beispielsweise
aufgrund eines schlechten Allgemeinzustandes - einer sofortigen Operation
zugeführt werden. Um den Einfluss des Allgemeinzustandes adäquat
zu berücksichtigen, wurde bei diesem Qualitätsindikator eine
Stratifizierung der Patienten nach den Risikoklassen ASA 1 und 2 vorgenommen.
Nachdem der Qualitätsindikator sich bis 2004 nur auf die Versorgung
von ASA-1- und ASA-2-Patienten innerhalb von 24 Stunden bezog, hat
die Fachgruppe beschlossen, ab 2005 die Kennzahlen auf alle Patienten
zu beziehen, da der Anspruch besteht, dass alle Patienten zeitnah chirurgisch
versorgt werden. Dem heterogenen Casemix wurde dadurch Rechnung getragen,
dass die Versorgung innerhalb von 48 Stunden gefordert wird. Der Referenzbereich
wurde darüber hinaus angepasst.