Rationale
Als häufigstes Malignom der Frau weisen Mammakarzinome
klinische Besonderheiten auf, die für eine qualitativ hochstehende Versorgung
von grundlegender Bedeutung sind:
- der im fortgeschritteneren Stadium häufig tödliche
Verlauf der Erkrankung (Carter et al. 1989; Engel et al. 2002; Michaelson et
al. 2003)
- die negative psychische Auswirkung der Erkrankung auf
fast alle wesentlichen Lebensbereiche, wie Partnerschaft, Familienplanung,
Sexualität, Beruf, Freizeit und nicht selten auch die finanzielle Lebensplanung
(Albert et al. 2002; Kopp et al. 2002)
- Diagnose und Therapie des Brustkrebs basieren auf einer
fach- und sektorübergreifenden Versorgungskette (Kreienberg et al. 2008; Albert
2008).
Die Schnittstellen der Versorgungskette sind besonders
anfällig für Qualitätsverluste, wobei neben anderen Faktoren die zeitlichen
Abläufe von Diagnose und Therapie wesentliche Aufschlüsse über die
Funktionsfähigkeit des Versorgungskonzeptes geben. Die Zeitspanne zwischen
Diagnose und Therapiebeginn, d. h. der operativen Lokalbehandlung, ist ein
Qualitätsindikator, der eine der wichtigsten Schnittstellen innerhalb der Kette
abbildet. In diesem Zeitraum findet der Übergang von der überwiegend ambulant
durchgeführten Diagnostik zur meist unter stationären Bedingungen erfolgenden
operativen Behandlung statt.
Erfahrungsgemäß ist in dieser Phase die psychische Belastung
der Betroffenen besonders hoch. Neben der Konfrontation mit einer fast immer
als lebensbedrohlich empfundenen Diagnose wird hier die Zustimmung zu weiteren,
meist eingreifenden, diagnostischen und vor allem therapeutischen Maßnahmen
eingefordert (Barton et al. 2004; Colbert 1994; Meechan et al. 2003; Oudhoff et
al. 2004). Wartezeiten auf den Therapiebeginn, insbesondere wenn diese den
Betroffenen vermeidbar erscheinen, verstärken die psychische Beeinträchtigung.
Allerdings ist Brustkrebs kein Notfall, betroffenen Frauen ist ausreichend Zeit
einzuräumen um sich über die Krankheit und das entsprechende Behandlungskonzept
zu informieren und sich damit am Behandlungsprozess zu beteiligen. Zeitliche
Verzögerungen können sowohl in Ärzten und Patientinnen, als auch in den
Besonderheiten nationaler Versorgungskonzepte ihre Ursache haben. Als Konsequenz
ergab sich die Integration von Zeitfaktoren in nationale und internationale
Leitlinien als Indikatoren der Lebensqualität betroffener Frauen.
Die Definition der Intervalle und deren vertretbare Dauer
sind nicht einheitlich. Die Varianz ergibt sich aus den unterschiedlichen
Versorgungssystemen. Evidenzbasierte Messgrößen existieren nicht. Dennoch
besteht Handlungsbedarf, geregelt durch ein Konsensus-Verfahren mit
reproduzierbaren methodischen Vorgaben bei der Erstellung von Leitlinien
(Albert 2008; Vang 1985).
Nachdem zunächst möglichst kurze, nicht näher definierte
Wartezeiten als Qualitätsziele in verschiedene Leitlinien aufgenommen wurden,
erfolgte mit der Publikation des Positionspapier der EUSOMA (Perry 2001) auch
eine numerische Festlegung, die dann in die europäische (Perry et al. 2006)
übernommen wurde. Auch die deutsche Leitlinie zur Brustkrebsfrüherkennung
definiert Wartezeiten (Albert 2008). Hier handelt es sich um einen Indikator,
der sehr sensibel auf eine System-immanente Verschlechterung der
Versorgungssituation reagiert (Duijm et al. 2004; Mayo et al. 2001; Reed et al.
2004).
Viele Patientinnen befürchten, dass ein mehrtägiger
Behandlungsaufschub nach feststehender Diagnose die zu diesem Zeitpunkt
bestehenden Heilungschancen sehr rasch vermindert. Insbesondere dann, wenn die
Diagnose durch den Einsatz interventioneller Techniken erfolgte. Hierfür gibt
es jedoch keinen Anhalt (Chen et al. 2002). Erst wenn die Diagnose und damit
auch die Therapie um mehr als 3 bis 6 Monate verzögert werden, ist bei einer
signifikanten Zahl von Brustkrebs-Patientinnen eine Tumor-Progression
nachweisbar, die die Überlebenschancen vermindert. Dies ist das Ergebnis einer
mehr als 100.000 Patientinnen umfassenden Metaanalyse (Richards et al. 1999).
Die Wartezeit als Qualitätsindikator ist somit vorzugsweise
ein Messinstrument für die psychische Belastung betroffener Frauen.
Gleichzeitig liefert sie wertvolle Hinweise für die Funktionsfähigkeit der
Versorgungskette in einem vorgegebenen System bei limitierten finanziellen
Ressourcen. Inzwischen liegen jedoch auch punktuelle Ergebnisse darüber vor,
dass zu große Zeitintervalle zwischen histologischer Sicherung und operativer
Lokalbehandlung zu einer höheren postoperativen Wundinfektionsrate führen
(Leinung et al. 2004).
(Die Literaturrecherche und -bewertung dieses
Qualitätsindikators erfolgte durch Herrn Professor K.-D. Schulz.)
Stand 31.03.2008