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Rationale

Seit Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre wurde der Nachweis von Östrogen- und Progesteron-Rezeptoren in Gewebsproben menschlicher Mammakarzinome als Indikator für eine eventuell noch vorhandene Hormonabhängigkeit individueller Tumoren herangezogen (Jensen et al. 1967, Maass et al. 1972, Horwitz & McGuire 1975). Diese Untersuchungsmethode wurde damit Grundlage eines selektiven Einsatzes nebenwirkungsarmer endokriner Behandlungsmaßnahmen. Die Weiterentwicklung des Rezeptornachweises zur Routineanalyse ergab folgende Ansatzpunkte für Diagnose und Therapie:

  • Die Verwendung als Prognosefaktor
  • Prädiktiver Parameter im Rahmen der Therapieplanung
  • Nutzung als primärer Ansatzpunkt antihormoneller, speziell antiöstrogen wirksamer Medikamente.

Prognosefaktor:

Das Vorhandensein von Östrogen- (ER) und/oder Progesteron-Rezeptoren (PR) signalisiert eine noch häufig vorhandene funktionelle, hormonabhängige Differenzierung des Tumorgewebes, die vielfach, aber bei weitem nicht immer auch mit einer günstigen morphologischen Differenzierung einhergeht. Größere Tumoren weisen im Vergleich zu kleineren Karzinomen sehr viel seltener eine rezeptorpositive Konstellation auf. Aus diesen Beobachtungen resultierte der Rückschluss, dass dem Rezeptorbefund eine prognostische Bedeutung beigemessen werden müsse. Die seit Beginn der siebziger Jahre publizierten Studien bestätigen im Wesentlichen, dass ER-positive Tumoren eine günstigere Prognose haben. Allerdings ist diese Eigenschaft nur schwach und nicht konsistent. Sie bezieht sich außerdem vorzugsweise auf nodalnegative Tumoren (McGuire et al. 1990, Clark et al. 1984, Wenger et al. 1993). Eine Übersicht über die ersten Erfahrungen deutschsprachiger Arbeitsgruppen findet sich bei Jonat und Maass (1982).

Die teilweise differierenden Ergebnisse zur prognostischen Bedeutung des ER werden wahrscheinlich dadurch erklärt, dass bei manchen Mammakarzinomen zwar noch eine spezifische Östrogen-Bindung nachweisbar ist, allerdings ohne östrogen-induzierte Folgereaktionen in der Tumorzelle.

Es handelt sich hier um funktionell modifizierte Rezeptoren, über die eine ausreichende Einbindung der Tumorzellen in die durch Hormone gesteuerten Regulationsmechanismen des Wirtsorganismus nicht mehr möglich ist. Dies macht auch die Resistenz mancher ER-positiver Tumoren gegenüber einer endokrinen Therapie verständlich.

Eindeutiger sind die Aussagen zur prognostischen Bedeutung der PR im Mammakarzinom-Gewebe. Sie sind das Endprodukt einer intakten intrazellulären Östrogen-Wirkung. Sie sind somit Indikator für das Vorhandensein einer weitgehend ungestört ablaufenden, östrogen-abhängigen Regulation der Tumorzelle. Langzeitbeobachtungen haben an größeren Kollektiven von Patientinnen ergeben, dass der PR im Vergleich zum ER ein sehr viel zuverlässigerer Prognosefaktor ist (Clark et al. 1984, Saez et al. 1983).

Nach den aktuellen Konsensus-Empfehlungen St. Gallen (Goldhirsch et al. 2003) gehört die Bestimmung der ER und PR als obligate diagnostische Maßnahme zur individuellen Risikoabschätzung im klinischen Alltag.

Eine ER-Bestimmung allein aus prognostischen Gründen ist jedoch nicht sonderlich sinnvoll.

Prädiktive Bedeutung:

In den Anfängen der klinischen Anwendung von Rezeptorbestimmungen galt ein positiver Befund als ein wesentlicher Indikator für eine generelle, noch vorhandene Hormonabhängigkeit und damit geeignet für ein breites Spektrum seinerzeit üblicher endokriner Behandlungsmaßnahmen (Jensen et al. 1967, Maass et al. 1972).

Diese Erfahrungen bezogen sich zunächst auf die inkurable, fernmetastasierte Erkrankung, ließen sich jedoch später auch auf den adjuvanten, kurativen Behandlungsansatz erfolgreich übertragen. Tumoren, in denen sowohl ER als auch PR nachgewiesen werden konnten, sprachen häufiger und besser auf eine endokrine Therapie an im Vergleich zu Fällen, die nur eine der beiden Rezeptor-Entitäten aufwiesen (Übersicht bei Jonat & Maass 1982).

Seit Beginn der siebziger Jahre, wurden ER nicht mehr nur als Indikatoren einer Hormonabhängigkeit gesehen, sondern als unmittelbares ”target“ für antiöstrogen wirksame Substanzen genutzt (Übersicht bei Buzdar 2001), sei es über eine direkte Blockade oder eine Modulation der Rezeptoren. Bei fortgeschrittenen, metastasierten Mammakarzinomen erwies sich eine relativ nebenwirkungsarme Therapie mit Hormonantagonisten einer nebenwirkungsreichen Chemotherapie zumindest gleichwertig oder sogar überlegen, sofern der Rezeptorbefund im Tumorgewebe positiv war (Fossati et al. 1998, Stockler et al. 2000).

Seit Jahren wird der prädiktive Wert des Rezeptorbefundes für die Chemosensitivität von Mammakarzinomen zum Teil sehr kontrovers diskutiert. Neuesten Studiendaten zufolge scheinen PR-negative Tumoren sehr viel schlechter auf eine Chemotherapie im Vergleich zu PR-positiven anzusprechen (Taucher et al. 2004, Cerwenka 2004).

Inzwischen liegen auch umfangreiche klinische Studiendaten zum adjuvanten, d. h. kurativen Einsatz der Antiöstrogene, speziell des Tamoxifen vor. Mit einer 5-jährigen oralen Behandlung nach lokaler Primärtherapie ergibt sich bei Frauen mit einem positiven Rezeptorstatus des Tumors eine eindeutige Verbesserung des rezidivfreien und Gesamtüberleben (Fisher et al. 1996). Diese Form der adjuvanten Behandlung ist sowohl bei prä- als auch bei postmenopausalen Frauen wirksam. Unter Bezug auf umfassende Metaanalysen ist die rezeptorbezogene adjuvante Tamoxifen-Behandlung gegenwärtig als Methode der Wahl zu betrachten (Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative Group 1992, 1998 und 2005).

Seit einigen Jahren befinden sich eine Reihe weiterer Antiöstrogene bzw. Rezeptormodulatoren in klinischer Erprobung. Zum Teil liegen bereits Ergebnisse aus prospektiv randomisierten Studien vor. Unverzichtbare Bezugsgröße ist in diesen Studien der Rezeptorbefund. Nahezu immer zeigt sich, dass auch diese Hormon-Antagonisten der neueren Generation ihre Wachstumshemmung beim Mammakarzinom fast nur entfalten, wenn Steroidhormonrezeptoren im Tumorgewebe nachweisbar sind (Mouridsen et al. 2001, Baum et al. 2002, Johnston et al. 2001).

Zurzeit laufen eine Reihe klinischer Untersuchungen, die sich mit der präoperativen (neoadjuvanten) Antiöstrogen-Therapie befassen. Nach ersten Informationen, die noch nicht als Befunde mit hohem Evidenz-Level zu bewerten sind, handelt es sich hierbei um Erfolg versprechende Konzepte, sofern sie allerdings auf den Rezeptorbefund bezogen sind (Übersicht bei Dowsett 2003).

Methodik:

Initial erfolgte die Rezeptorbestimmung biochemisch über einen Liganden-Bindungsassay. Mit Verfügbarkeit spezifischer Antikörper wurden immunhistorische Bestimmungsmethoden entwickelt, die inzwischen die biochemischen Analysen weitgehend verdrängt haben (Harvey et al. 1999, Cross 2001). Dies gilt sowohl für die ER als auch für die PR. Im Hinblick auf die semiquantitativen Befunde sind qualitätssichernde Maßnahmen von besonderer Relevanz (Rhodes et al. 2000a, Rhodes et al. 2000b).

Die Vorteile der immunhistochemischen Analyse sind:

  • unmittelbarer nuklearer Bindungsnachweis in den untersuchten Tumorzellen und nicht in einem heterogenen Gewebsextrakt
  • es sind nur kleine Gewebsmengen erforderlich, deren Entnahme die pathomorphologische Beurteilung auch kleinerer Befunde nicht beeinträchtigt
  • die Untersuchung wird an fixiertem Material durchgeführt und ist nicht auf die Verfügbarkeit von kühl zu haltendem Frischgewebe angewiesen (Transport- und Kühlprobleme!)
  • Neben der ohnehin bestehenden Verpflichtung zur Aufbewahrung von Paraffinblöcken müssen nicht zusätzliche Gewebsbänke in Tiefkühlelementen vorgehalten werden
  • entfernbare Bindegewebskomponenten oder Nekrosen
  • Auch verwendbar bei der Beurteilung von Gewebszylindern nach Stanzbiopsie

Cut-off-levels:

> 10% markierte Tumorzellen: positiver Befund

1 bis 10% markierte Tumorzellen: grenzwertig positiver Befund

Eine differenziertere semiquantitative Befunderhebung nach dem Score von Remmele und Stegner (1987) erfolgt in Deutschland häufig, wird jedoch international kaum durchgeführt. Eigenen Studien zufolge haben grenzwertig positive Befunde nur eine eingeschränkte prognostische und prädiktive Bedeutung (Rhodes et al. 2000c).

In allen Leitlinien und Konsensus-Empfehlungen gehört die immunhistochemische ER- und PR-Bestimmung obligat in die Primärdiagnostik und, sofern Gewebe verfügbar ist, auch in die Rezidivdiagnostik (Kreienberg et al. 2008, Albert 2008).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Rezeptorbestimmung eine prognostische Bedeutung auf dem Evidenzlevel IIa (AHCPR), eine prädiktive Bedeutung auf dem Level Ia (AHCPR) und der immunhistochemischen Untersuchungsmethode ein Level IIa (AHCPR) zugeordnet werden kann.

Als weiterer prädiktiver Faktor beim invasiven Karzinom gilt seit geraumer Zeit der Her-2/neu-Status. Aktuelle Studienergebnisse belegen die hohe Effektivität einer adjuvanten Therapie mit Trastuzumab bei Her-2/neu exprimierenden Tumoren. Dieser monoklonale Antikörper ist gegen das HER-2/neu-Rezeptorprotein gerichtet, dessen Überexpression auf der Zellmembranoberfläche Voraussetzung für eine wirksame Therapie ist. Bei bislang noch kurzer Nachbeobachtung wurde konsistent in allen Studien eine bedeutende Senkung der Rezidivraten sowie der Mortalität im Vergleich zur adjuvanten Standardtherapie nachgewiesen. In den aktuelleren Leitlinien wird die Bestimmung des Her-2/neu-Status deshalb als Standard beim primären Mammakarzinom gefordert. Bei der Bestimmung des Hormonrezeptor- und HER-2-Status muss die Zuverlässigkeit der eingesetzten Nachweisverfahren sichergestellt sein. Dies beinhaltet die interne Testvalidierung, die Verwendung standardisierter Protokolle und interner Kontrollen sowie die regelmäßige erfolgreiche Teilnahme an externen Qualitätssicherungsmaßnahmen (Albert 2008, Kreienberg et al. 2008). Umfangreiche Informationen zu den Methoden der Her-2/neu-Bestimmung sind im Evidenzbericht 2007 zur S-3-Leitlinie Brustkrebsfrüherkennung in Deutschland veröffentlicht (Nothacker et al. 2007).

Die Bestimmung sowohl des ER / PR-Status als auch des Her-2/neu-Status ist beim Mammakarzinom des Mannes ebenfalls erforderlich (Leinung et al. 2007). Im Fall eines positiven Hormonrezeptorbefundes besteht wie bei betroffenen Frauen die Indikation zur endokrinen Therapie.

(Die Literaturrecherche und -bewertung zur Hormonrezeptoranalyse erfolgte durch Herrn Professor K.-D. Schulz. Die Rationale wurde erweitert um den Aspekt des Her-2/neu-Status durch die BQS/Fachgruppe)



Stand 31.03.2008