Qualitätsziel
Möglichst wenige Patientinnen <35 Jahren mit Hysterektomie bei benigner Histologie
Qualitätsindikator
Die Hysterektomie ist ein chirurgischer Eingriff mit einer nicht
unerheblichen Morbidität: Mögliche kurzfristige Komplikationen sind
Wundheilungsstörungen, Organverletzungen und Infektionen. Mittelfristig
können Frauen über Wochen und Monate unter Schmerzen, Schwäche,
Müdigkeit und Abgeschlagenheit leiden (Rock 2001, DeCherney et al.
2002). Langfristig spielen seltene Folgen wie Senkungssymptome des
Vaginalstumpfes, Dyspareunien, eventuell Beschwerden durch einen
vorzeitigen Ausfall der ovariellen Hormonproduktion oder das residual
ovarian syndrome (Schmerzen, Vergrößerung des Ovars und Dyspareunie bei
Belassung der Adnexe) eine Rolle (Bernstein et al. 1998).
Aktuelle Studien konnten dennoch zeigen, dass die
Patientinnenzufriedenheit nach Hysterektomie sehr hoch ist. Es gibt
bisher keine überzeugenden Hinweise auf nennenswerte Störungen des
psychischen Wohlbefindens oder des Sexualempfindens (Kjerulff et al.
2000a und 2000b, Carlson et al. 1994, Rannestad et al. 2001, Farrell
& Kieser 2000, Khastgir et al. 2000, Rhodes et al. 1999).
Hinweise, dass weltweit unnötig viele Hysterektomien durchgeführt
werden, haben in der Literatur vor allem dadurch Bestätigung gefunden,
dass große regionale Unterschiede existieren und offensichtlich auch
andere als rein medizinische Gründe die Indikationshäufigkeit
beeinflussen (Roos 1984). So war die Hysterektomierate bei Frauen mit
geringem Bildungsgrad doppelt so hoch wie bei Frauen mit einem
akademischen Abschluss und ebenfalls höher bei Frauen mit geringerem
Einkommen (Kjerulff et al. 1993, Settnes & Jorgensen 1996, Harlow
& Barbieri 1999). Auch war sie niedriger, wenn die Patientin eine
Ärztin war (Domenighetti et al. 1993). Eine neuere Untersuchung aus den
USA kam zu dem Schluss, dass 70 bis 76% der Indikationen zur
Hysterektomie nicht angemessen waren. Die Hauptgründe für eine
Einstufung der Indikation als unangemessen lagen in der mangelhaften
Diagnostik und einer unzureichenden Ausschöpfung alternativer Methoden
(Broder et al. 2000).
Die häufigsten Indikationen für die Hysterektomie stellen Leiomyome und
Blutungsstörungen mit 75% dar (Lefebvre et al. 2002 und 2003).
Leiomyome treten ihrerseits bei ca. 30 bis 80% der Frauen im
gebärfähigen Alter auf (ACOG 1994, ACOG 2001). Der Großteil der Myome
verursacht allerdings keine Beschwerden (ACOG 1994) und bedarf keiner
Therapie. Seltenere Indikationen sind Dysmenorrhoe, Endometriose,
Beckenbodensenkungen oder Prolaps, höhergradige Dysplasien der Cervix
uteri, Endometriumhyperplasien mit Atypien und chronischer
Unterbauchschmerz (Schilling et al. 1999, Lefebvre et al. 2002, Pokras
& Hufnagel 1987, Scialli 1998), wiederkehrende Infektionen des
inneren Genitale und traumatische Schädigungen (Cosson et al. 1998).
Fast immer gibt es Behandlungsalternativen zur Hysterektomie: So gilt
zum Beispiel für Frauen mit symptomatischen Myomen, welche ihren Uterus
erhalten wollen, die abdominale Myomentfernung als sichere und
effektive Methode (ACOG 2001). Bis zu 50% der Frauen entwickeln jedoch
in den folgenden zehn Jahren erneut Myome und bei 10 bis 26% ist eine
Reoperation nötig (Carlson et al. 1994, Lefebvre et al. 2003, Derman et
al. 1991, Acien & Quereda 1996, Fedele et al. 1995). Ein direkter
Vergleich von Risiken und Vorteilen der Hysterektomie und der
Myomektomie anhand der Datenlage ist schwierig (AHRQ 2001). Eine andere
Behandlungsoption besteht in einer Myolyse durch Unterbindung der
Blutzufuhr der Myome. Diese wird bei Patientinnen mit Kinderwunsch
derzeit nicht empfohlen (Lefebvre et al. 2002). Bei Blutungsstörungen
wie der Menorrhagie kann eine orale medikamentöse Therapie den
Blutverlust effektiv um 20 bis 100% senken. Sie ist aber mit zum Teil
schweren Nebenwirkungen behaftet (HTAC 2000). Eine weitere Möglichkeit
besteht in der Applikation einer gestagenbeladenen Spirale, welche über
die Induktion einer Endometriumatrophie den menstruellen Blutverlust
um bis zu 90% verringern kann (Andersson et al. 1994). In einer
Metaanalyse ließen sich keine signifikanten Unterschiede in der
Lebensqualität und Zufriedenheit der Patientinnen nachweisen, die
entweder mit einer gestagenhaltigen Spirale oder operativ durch eine
Endometriumentfernung oder Hysterektomie behandelt worden waren, obwohl
die Endometriumentfernung signifikant weniger Nebenwirkungen hatte
(Marjoribanks et al. 2004). Die operative Entfernung des Endometriums
verbietet sich jedoch bei Frauen mit nicht abgeschlossener
Familienplanung.
Experten bestätigen, dass die Indikationsstellung zur Hysterektomie
unter Beachtung eines patientengerechten und evidenzbasierten Vorgehens
schwierig ist (Schilling et al. 1999, Lefebvre et al. 2002). Als
Hilfestellung haben zahlreiche Fachgesellschaften den Versuch der
Formulierung von Leitlinien zur Angemessenheit der Indikationsstellung
unternommen (Schilling et al. 1999, Lefebvre et al. 2002, ACOG 1994,
1998a, 1998b, 1998c, 1996 und 2001, RCOG 1998 und 1999).
Die jüngeren Empfehlungen der Fachgesellschaften und Experten sind
weitgehend konsistent. Sie spiegeln den Wandel der Praxis von einer
großzügigen Indikationsstellung hin zu einem differenzierten und
individualisierten Vorgehen unter Ausschöpfung der alternativen
Verfahren wider, ohne sich gleichzeitig darauf festzulegen, welche
Behandlungsmethode unter welchen Gesichtspunkten als die beste
eingestuft werden sollte. Gefordert wird in besonderem Maße die
gemeinsame Entscheidungsfindung mit der aufgeklärten Patientin.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patientinnen mit subtotaler
Uterusexstirpation und Uterusexstirpation und ohne führenden
histologischen Befund Karzinom der Adnexe, Carcinoma in situ, invasives
Karzinom la, invasives Karzinom > la der Cervix uteri oder Karzinom
des Corpus uteri sowie mit gültiger Altersangabe.
Zähler: Patientinnen jünger als 35 Jahre.
Erläuterung der Rechenregel: Die subtotale Uterusexstirpation bzw.
die Uterusexstirpation ist defininiert über die OPS-Kodes (Version 2.1)
5-682* bzw. 5-683*. Die Angabe zusätzlicher OPS-Kodes ist erlaubt.
Referenzbereich
Referenzbereich: 0
Erläuterung zum Referenzbereich: Es gibt sehr seltene, aber echte
Indikationen für eine Hysterektomie bei benigner Erkrankung auch bei
jungen Frauen (z.B. große Myome, bei denen eine Organerhaltung
anatomisch nicht realisierbar ist). Deshalb bedeutet nicht jede
Auffälligkeit automatisch schlechte Qualität. Allerdings sollte jede
Hysterektomie in dieser Gesamtheit zu einer Überprüfung der Indikation
auch im Hinblick auf das interne Qualitätsmanagement führen.
Erfahrungen in einzelnen Bundesländern mit einem Referenzwert 0 auf
Landesebene zeigten, dass dieser Referenzwert sinnvoll und praktikabel
ist.
Bewertung
Die Indikationsstellung zur Hysterektomie ist schwierig unter dem
Gesichtspunkt der Evidenzbasierung und der angemessenen Einbeziehung
der Patientin in die Entscheidungsfindung. Weil es sich häufig um sehr
heterogene Beschwerdebilder und Befunde handelt, ist ein individuell
adaptiertes Vorgehen nötig. Bei der Entscheidung zur Therapieform
spielen nicht nur die subjektive Beeinträchtigung der betroffenen Frau,
sondern auch der Kinderwunsch oder der Wunsch nach dem Erhalt des
Uterus eine Rolle.
Da es sich bei der Hysterektomie um einen potenziell
komplikationsträchtigen Eingriff handelt, sollten zunächst
organerhaltende Behandlungsverfahren ausgeschöpft werden. In
Deutschland wurden im Jahr 2003 bei Hysterektomien 1,26%
Organverletzungen und 1,57% postoperative Wundinfektionen dokumentiert.
Es gibt jedoch seltene Situationen bei benigner Grunderkrankung, in
denen eine Hysterektomie unumgänglich sein kann. Hier seien
beispielsweise die konservativ nicht beherrschbare Atonie im Wochenbett
oder große Myome, bei denen eine Organerhaltung anatomisch nicht
realisierbar ist (AGO 1999), genannt.
Die genannten Indikationen sind ausgesprochen selten. Somit ist nach
Ansicht der Fachgruppe anzustreben, dass in der Gruppe der jungen
Frauen unter 35 Jahren mit benigner Grunderkrankung Hysterektomien nur
in begründeten Ausnahmefällen durchgeführt werden. Jede einzelne
Hysterektomie in dieser Gesamtheit sollte zu einer kritischen
Überprüfung der Indikation auch im Hinblick auf das interne
Qualitätsmanagement führen.
Im Jahr 2003 wurden 2.482 Hysterektomien bei Frauen unter 35 Jahren
mit benigner Grunderkrankung in 775 Krankenhäusern dokumentiert
(Vergleich 2002: 2.322 Fälle). Diese Größenordnung kann nach Ansicht
der Fachgruppe nicht durch die genannten seltenen Indikationen erklärt
werden. Auch die Spannweite der Krankenhausergebnisse ist mit 0 bis 27
Fällen als hoch anzusehen. Bei der Berechnung des Indikators wurden
Patientinnen mit Hysterektomie ohne histologischen Befund den benignen
Fällen zugeordnet. In diesen Fällen muss geklärt werden, warum hier
keine Histologie angefertigt oder dokumentiert wurde.