Qualitätsziel
Geringe Letalität
Qualitätsindikator
Die proximale Femurfraktur ist eine Verletzung, die überwiegend im
hohen Lebensalter auftritt und mit einer erhöhten Letalität verglichen
mit gleichaltrigen Personen ohne dieses Trauma vergesellschaftet ist.
Diese erhöhte Sterblichkeit (Angaben in der Literatur von 20 bis 35%)
besteht über das erste postoperative Jahr (Elliott et al. 2003, Woolf
& Pfleger 2003, Braithwaite et al. 2003, Goldacre et al. 2002,
Fransen et al. 2002).
Zur Krankenhausletalität bei proximaler Femurfraktur finden sich
Angaben in nicht randomisierten Einzelstudien von 2,7 bis 11% (Lawrence
et al. 2002, Gerber et al. 1993, Wissing 1996, Richmond et al. 2003).
Als Einflussfaktoren auf die Sterblichkeit nach proximaler
Schenkelhalsfraktur lassen sich sowohl patientenbedingte Faktoren wie
auch verfahrensbedingte Faktoren identifizieren.
Operationsverfahren
Bezogen auf einen Einjahres-Nachbeobachtungszeitraum gibt es keinen
statistischen Unterschied zwischen den Letalitätsraten für
osteosynthetische und endoprothetische Versorgung. Innerhalb der ersten
Monate postoperativ ist die Letalitätsrate bei endoprothetischer
Versorgung höher als bei osteosynthetischer Versorgung (Lu-Yao et al.
1994, Masson et al. 2004).
Operationszeitpunkt
Eine operative Versorgung später als 24 Stunden nach stationärer
Aufnahme ist mit höherem Thromboserisiko, höherem Risiko zur
Lungenembolie und einer erhöhten Letalität vergesellschaftet.
Das Risiko, ein Dekubitalulkus zu entwickeln, steigt bei verzögerter
operativer Versorgung (Aussagen mit Evidenzgrad 2+ nach SIGN).
Eine 2003 publizierte Fallstudie untersuchte den Einfluss des
Operationszeitpunktes auf die Letalität. Eine operative Versorgung
innerhalb der ersten 24 Stunden zeigte nach sechs Monaten eine
Sterblichkeitsrate von 13,9% gegenüber 33,3% bei späterer Versorgung
(Dorotka et al. 2003). Weitere Fallstudien stützen diese Aussage
(Michel et al. 2002, Elliott et al. 2003, Casaletto & Gatt 2004,
Gdalevich et al. 2004).
Es kann dennoch nicht gefordert werden, dass jeder Patient innerhalb
dieses Zeitraums operiert wird, da unterschiedliche Patientenfaktoren
wie z.B. Komorbiditäten mit der Notwendigkeit einer längeren
präoperativen Vorbereitungszeit mit berücksichtigt werden müssen.
Begleiterkrankungen
Anhand der Auswertung administrativer Daten von 417.657 Patienten
(Iezzoni et al. 1994) zeigte sich, dass bei Patienten mit
dokumentierten Komplikationen nach großen Operationen („major surgery“)
im Mittel gleichzeitig 6,5 Komorbiditäten dokumentiert worden waren.
Die relevanteste Erhöhung des relativen Risikos um den Faktor 3,52 fand
sich für Mangelernährungen („nutritional deficiencies“). Weitere
Komorbiditäten, für welche eine altersadjustierte relative
Risikoerhöhung signifikant (p<0,0001) belegt werden konnte, sind:
maligne Tumoren, AIDS, chronische Lungenerkrankungen, Herzinsuffizienz,
KHK, AVK, chronische Lebererkrankungen, Diabetes mellitus, chronische
Niereninsuffizienzen und Demenz (Iezzoni et al. 1994).
Die Einschätzung des präoperativen Risikos kann anhand eines
validierten Scores nach den Kriterien der ASA (American Society of
Anesthesiology) erfolgen und bildet relevante Komorbiditäten ab.
Menschen im Alter von 65 bis 84 Jahren mit einer ASA 3-Einschätzung
haben eine deutlich erhöhte standardisierte Ein-Jahres-Letalitätsrate
(also ohne zusätzliches Trauma) im Vergleich zu Menschen mit
ASA-Einschätzung 1 und 2 (Richmond et al. 2003).
Perioperative und postoperative Komplikationen
Eine retrospektive Kohortenstudie (Lawrence et al. 2002) weist eine
Letalitätsrate von 3,3% für die Zeit des stationären Aufenthaltes auf.
Es ergibt sich eine Letalitätsrate von 0,55% für Patienten ohne
dokumentierte Komplikation und eine Letalitätsrate von 15% bei
dokumentierter Komplikation.
Geschlecht
Etwa zwei Drittel aller proximalen Femurfrakturen betreffen Frauen
(Lofthus 2001, Sanders 1999). Männer weisen jedoch, bezogen auf die
alters- und geschlechtsspezifische Lebenserwartung, eine erhöhte
Letalität auf (Roberts & Goldacre 2003, Trombetti et al. 2002,
Fransen et al. 2002).
Alter
Hohes Lebensalter korreliert eng mit Komorbiditäten, Komplikationsraten
und Letalitätsraten (Iezzoni et al. 1994). Andere Autoren nennen z.B.
eine Letalitätsrate von 4% bei Männern im Alter von 64 bis 69 Jahren
und von 31% bei Männern von über 90 Jahren (Roberts & Goldacre
2003).
Prozessmanagement
Prozessmanagement und einzelne Outcome-Parameter werden durch
Implementierung eines externen Qualitätsmanagements in Form eines
Audits verbessert (Freeman 2002). Verbessertes Prozessmanagement in der
Versorgung proximaler Femurfrakturen konnte eine Reduktion der
30-Tage-Letalität von 22 auf 7% erreichen (Parker 2000).
Die Letalitätsrate kann somit als valider Indikator für die
Ergebnisqualität bei proximalen Femurfrakturen eingesetzt werden (AHRQ
2003). Das Ergebnis kann vom Operateur unmittelbar beeinflusst werden.
Das patientenbedingte Risiko wird anhand der Risikoklassen nach ASA
abgebildet.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten mit Schenkelhalsfraktur und
osteosynthetischer Versorgung (DHS oder intramedulläre Stabilisierung
oder Verschraubung)
Zähler: verstorbene Patienten
Erläuterung der Rechenregel: Schenkelhalsfraktur ist definiert als
Entlassungsdiagnose mit ICD-10-Kodes (Version 2.0) S72.00, S72.01,
S72.02, S72.03, S72.04, S72.05.
Referenzbereich
Referenzbereich: ≤13,6% (95%-Perzentile)
Erläuterung zum Referenzbereich: Da die Literaturangaben zur Letalität
von Schenkelhalsfrakturoperationen sehr unterschiedliche Raten
darstellen, hat die Fachgruppe hier die 95%-Perzentile als
Referenzbereich festgelegt.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten mit Schenkelhalsfraktur und
endoprothetischer Versorgung (TEP oder monopolare Femurkopfprothese
oder Duokopfprothese)
Zähler: Verstorbene Patienten
Erläuterung der Rechenregel: Schenkelhalsfraktur ist definiert als
Entlassungsdiagnose mit ICD-10-Kodes (Version 2.0) S72.00, S72.01,
S72.02, S72.03, S72.04, S72.05.
Referenzbereich
Referenzbereich: ≤15,0% (95%-Perzentile)
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten mit Schenkelhalsfraktur und Risikoklasse ASA 1 oder 2
Zähler: Verstorbene Patienten
Erläuterung der Rechenregel: Schenkelhalsfraktur ist definiert als
Entlassungsdiagnose mit ICD-10-Kodes (Version 2.0) S72.00, S72.01,
S72.02, S72.03, S72.04, S72.05.
Referenzbereich
Kein Referenzbereich
Bewertung
Die Gesamtrate der Hospital-Letalität liegt bei 5,47% und damit im
unteren Bereich der in der Literatur angegebenen Letalitätsraten. Somit
kann im internationalen Vergleich eine gute Versorgungsqualität in
Deutschland festgestellt werden.
Aufgegliedert nach Art der Versorgung lag die Gesamtrate bei
osteosynthetischer Versorgung bei 2,89% und bei endoprothetischer
Versorgung bei 6,09%.
Für den Strukturierten Dialog können insbesondere die
risikostratifizierten Ergebnisse anhand der ASA-Klassifikation
verwendet werden. In der Gruppe der Patienten mit niedrigem
Risikoprofil (ASA-Klassen 1 und 2) betrug die Gesamtrate 1,25%.
Die Spannweite der Krankenhausergebnisse reichte hier von 0,0% bis
15,6% und lässt erhebliche Unterschiede der Ergebnisqualität in dieser
relativ homogenen und risikoarmen Patientengruppe erkennen. Auffällig
hohe Raten sollen in jedem Fall mit den betreffenden Abteilungen im
Strukturierten Dialog analysiert werden.
Bei höheren Fallzahlen ist eine Letalitätsrate von 0,0% auffällig und lässt die Dokumentationsqualität fraglich erscheinen.