Qualitätsziel
Möglichst oft postoperative Beweglichkeit Extension/Flexion von mindestens 0/0/90
Qualitätsindikator
Ziel des künstlichen Kniegelenkersatzes ist die Wiederherstellung
einer schmerzfreien Kniegelenkbeweglichkeit und Belastbarkeit. Während
Schmerzen und belastender Gang nur subjektiv erhebbar sind, lässt sich
die postoperative Beweglichkeit mit der international etablierten
Neutral-Null-Methode vergleichbar und überprüfbar untersuchen.
Streckung
Bei vollständiger Streckung ist das Kniegelenk ohne zusätzliche
Muskelarbeit stabil. Dies ist wichtig für das Stehen und die
Belastungsphase beim Gehen. Ein nicht vollständig zu streckendes Knie
muss durch den Quadrizepsmuskel aktiv gehalten werden, dies verstärkt
den Druck auf das Femoropatellargelenk und kann zu dauerhaften
Schmerzen führen. Zusätzlich wirken verstärkte Kräfte auf die
posteriore Hälfte des Tibiaplateaus und der Femurkondylen ein. Eine
derartige dauerhafte Fehlbelastung kann Einfluss auf die Standzeiten
der Prothese haben (Callaghan et al. 1995). Ein mildes postoperatives
Streckdefizit kann in der Regel durch aktive Übungsbehandlung innerhalb
des ersten Jahres postoperativ ausgeglichen werden (McPherson et al.
1994).
Beugung
Eine Beugefähigkeit des Kniegelenks von 67 Grad wird in der
Schwungphase des normalen Gangs benötigt, 93 Grad Beugung im Kniegelenk
sind notwendig, um von einem Stuhl ohne zusätzliche Hilfe aufzustehen.
Daraus erklärt sich das Ziel einer postoperativen
Kniegelenk-Beugefähigkeit von über 90 Grad (Laubenthal et al. 1972).
Schurman et al. (1985) konnten in einer Nachbeobachtungsstudie
feststellen, dass im Falle einer Beugefähigkeit von über 70 Grad zum
Zeitpunkt der Entlassung nach einem Jahr in der Regel eine
Beugefähigkeit von 102 Grad erreicht worden war. Andere Autoren fordern
als akzeptables funktionelles Resultat eine Beugefähigkeit von
mindestens 100 Grad (Itokazu et al. 1998).
Das Behandlungsergebnis kann beeinflusst werden durch
patientenbedingte Faktoren, wie z.B. die präoperative
Bewegungseinschränkung und postoperative Compliance (Ayers et al. 1997,
Ritter et al. 2003, Sharma et al. 1996), oder durch
operationstechnische oder organisatorische Faktoren (Buvanendran et al.
2003, Dowsey et al. 1999, Ranawat 2003, White et al. 1999).
Es gibt Hinweise dafür, dass rund einen Monat postoperativ die
bisher erreichte Funktion tendenziell abnimmt. Genau zu diesem
Zeitpunkt sollte mit weiterem intensivem Training begonnen werden
(Fitzgerald et al. 2004). Patienten mit Kniegelenkersatz scheinen einer
intensiveren Nachbehandlung zu bedürfen als Patienten mit
Hüftendoprothetik, um ein optimales funktionelles Ergebnis zu bewahren
(Roos 2003).
Zu Art und Umfang notwendiger rehabilitativer Maßnahmen gibt es
keine internationalen Richtlinien (NIH Consensus Development Conference
on Total Knee Replacement 2003).
Die Fachgruppe Orthopädie und Unfallchirurgie fordert als
Ergebnisqualitätsparameter eine vollständige aktive Streckung sowie
eine aktive Beugung bis 90 Grad zum Zeitpunkt der Entlassung. Dieses
funktionelle Ergebnis stellt eine Grundlage für ein normales Gangbild
und die weitere aufbauende und erhaltende Übungstätigkeit des Patienten
dar.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten (eingeschränkt auf plausible Werte bei Angaben zur Extension und Flexion)
Zähler: Patienten mit postoperativer aktiver Beweglichkeit von mindestens 0/0/90 Grad (Extension/Flexion)
Erläuterung der Rechenregel: Für die Beweglichkeit gelten als
plausible Werte bei Angaben zur Extension und Flexion: 0 - 10/0 - 150/0
- 150 Grad.
Referenzbereich
Referenzbereich: ≥2,4% (5%-Perzentile)
Erläuterung zum Referenzbereich: Für das Vorliegen einer
ausreichenden postoperativen Beweglichkeit liegen vergleichbare
Literaturergebnisse mit Angaben nach der Neutrall-Null-Methode nicht
vor. Die Fachgruppe hat daher den Verteilungskennwert 5%-Perzentile als
Referenzbereich definiert.
Bewertung
Die Gesamtrate der Patienten mit erreichter postoperativer
Beweglichkeit von mindestens 0/0/90 Grad nach der Neutral-Null-Methode
lag bei 60,40%.
Diese Rate entspricht den Erwartungen der Fachgruppe und spiegelt eine gute Versorgungsqualität wider.
Der Indikator bildet einen hohen Anspruch an die Beuge- und
Streckfähigkeit ab. Ein mildes postoperatives Streckdefizit kann in der
Regel durch aktive Übungsbehandlung innerhalb des ersten Jahres
postoperativ ausgeglichen werden (McPherson et al. 1994).
Bezüglich der Beugefähigkeit stellen 90 Grad ein optimales Ergebnis
dar. Auch Beugefähigkeitswerte, die diesem sehr nahe kommen (z.B. 80
bis 89 Grad), sind akzeptabel.
Die Ergebnisse der Stratifizierung nach Verweildauer entsprechen den
Erwartungen. Bei Verweildauern unter 15 Tagen sind die
Beweglichkeitsergebnisse deutlich niedriger als bei längeren
Verweildauern. Bei Patienten mit Verweildauern von über 25 Tagen haben
vermutlich Komplikationen vorgelegen.
Die Spannweite der Krankenhausergebnisse war mit 0,0 bis 100,0%
extrem. 33 von 677 Krankenhäusern mit mindestens 20 Fällen lagen
außerhalb des Referenzbereichs von ≥2,4% (5%-Perzentile). Bei den
Krankenhäusern mit sehr niedrigen Raten sollte im Strukturierten Dialog
auch überprüft werden, ob es sich um Fälle mit sehr kurzer Verweildauer
handelt oder ob es sich um ein Dokumentationsproblem handelt. Auch die
präoperativen Bewegungsausmaße der betroffenen Patienten sollen im
Strukturierten Dialog zum Vergleich herangezogen werden.
Die vorliegenden Informationen können für die Weiterentwicklung der
Auswertung genutzt werden. So sollte die postoperative Beweglichkeit
zukünftig nach Beuge- und Streckdefizit getrennt analysiert werden.
Weiterhin sollten auch die präoperativen Werte in die Berechnung der
Raten einfließen.