Qualitätsziel
Selten postoperative Wundinfektion
Qualitätsindikator
Die Infektion eines künstlichen Kniegelenkersatzes ist eine
gefürchtete Komplikation, die das Operationsergebnis in Frage stellt.
Im ungünstigen Fall führen Infektionen zur erneuten Wechseloperation,
möglicherweise aber auch zum Prothesenverlust mit der Notwendigkeit
einer Versteifungsoperation des Kniegelenkes oder gar zur Amputation.
Eine Maßnahme zur Infektionsbehandlung hat in der Regel eine
Beeinträchtigung des Patienten, eine Verlängerung des Aufenthaltes und
einen Anstieg der Kosten zur Folge (Husted & Toftgaard 2002).
Einige patientenbezogene Risikofaktoren, wie hohes Lebensalter,
Diabetes mellitus, obstruktive Lungenerkrankung oder systemische
Erkrankungen – auch aus dem rheumatischen Formenkreis – und
operationsbedingte Risikofaktoren, wie lange Operationsdauer oder hoher
intraoperativer Blutverlust, haben einen Einfluss auf die
Infektionsraten (Culver et al. 1991, Peersman et al. 2001, SIGN 2000).
Die „aseptische Lockerung“ gilt als häufigster Grund für den
Prothesenwechsel (The Swedish Knee Arthroplasty Register 2003). Die
liegende Prothese stellt für sich schon ein erhöhtes Infektionsrisiko
dar. Lange Operationszeiten und höhere Blutverluste aufgrund von
ausgedehnter Präparation steigern das Infektionsrisiko beim
Prothesenwechsel zusätzlich im Vergleich zur Primäroperation.
Perioperative Antibiotikaprophylaxe, aseptisches Operieren und
diszipliniertes Verhalten im Operationssaal gehören zu den
Standardvoraussetzungen der Infektionsprophylaxe (Callaghan et al.
1995, SIGN 2000). Andererseits können Protheseninfektionen primär die
Indikation zum Prothesenwechsel begründen, damit steht in diesen Fällen
die Sanierung des Infektionsherdes als operatives Ziel im Vordergrund
und stellt eine außerordentliche Herausforderung dar.
Das Auswertungskonzept der BQS orientiert sich an den
patientenbezogenen Risikoklassen (0 bis 3) und der postoperativen
Wundklassifikation (A1bis A3) des National Nosocomial Infections
Surveillance Systems (NNIS) der amerikanischen Centers for Disease
Control (CDC). Das deutsche Nationale Referenzzentrum (NRZ) hat diese
Klassifikationen übernommen.
Das NRZ berichtet aus dem Berichtszeitraum 1997 bis 2003 auf die Risikoklassen bezogen
folgende Infektionsraten im Bereich „Knieendoprothesen“:
- Risikoklasse 0: mittlere Infektionsrate 0,75% (n=6.708),
- Risikoklasse 1: mittlere Infektionsrate 1,12% (n=7.209),
- Risikoklasse 2: mittlere Infektionsrate 2,09% (n=1.678),
- Risikoklasse 3: mittlere Infektionsrate 0,0% (n=35),
- alle Risikoklassen: mittlere Infektionsrate 1,06%.
Die Wundinfektionsarten verteilten sich wie folgt:
- A1-Infektionen: mittlere Rate: 0,35%,
- A2-Infektionen: mittlere Rate: 0,35%,
- A3-Infektionen: mittlere Rate: 0,36%.
Das NNIS veröffentlichte mittlere Infektionsraten von 0,87% für
Eingriffe der Risikoklasse 0 im Bereich „Knieprothese“. In den
vorliegenden Publikationen des NNIS und des NRZ werden
Wechseloperationen und Erstimplantationen nicht differenziert
dargestellt.
Infizierte Prothesen als Grund für den Wechsel führen zu einer
höheren Einstufung in der Risikoklassifikation. Die Betrachtung der
Wundinfektionsraten bei Fällen mit Risikogruppe 0 (Patienten ohne
relevante infektionsbegünstigende Risiken) stellt daher eine adäquate
Risikostratifizierung für den Krankenhausvergleich dar.
Eine Metaanalyse zum Ergebnis nach Kniegelenk-Endoprothesenwechsel
(Saleh et al. 2002) nennt Raten differenziert für oberflächliche und
tiefe Infektionen, ohne Angaben zur präoperativen Wundkontamination und
zum Beobachtungszeitraum zu machen. Oberflächliche Infektionen wurden
mit einer Rate von 4,8% (12 Studien; 24 von 504 Patienten) und tiefe
Infektionen mit 6,7% (25 Studien; 84 von 1.258 Patienten) angegeben.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten
Zähler: Patienten mit postoperativer Wundinfektion
Referenzbereich
Erläuterung zum Referenzbereich: Da auch septische Eingriffe in
diese Gruppe fallen, hat die Fachgruppe keinen Referenzbereich
festgelegt.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten mit Risikoklasse 0
Zähler: Patienten mit postoperativer Wundinfektion
Referenzbereich
Referenzbereich: ≤ 15,0% (95%-Perzentile)
Erläuterung zum Referenzbereich: Das Nationale Referenzzentrum für
Surveillance von nosokomialen Infektionen (NRZ) gibt für den Zeitraum
1997 bis 2003 einen gepoolten Mittelwert von 0,75% als
Wundinfektionsrate für Knie-TEP-Eingriffe bei Risikoklasse 0 an.
Da bei Wechseleingriffen grundsätzlich höhere Infektionsraten zu
erwarten sind als bei Ersteingriffen, hat die Fachgruppe die ≤95%-Perzentile als Referenzbereich festgelegt.
Bewertung
Die Gesamtrate der postoperativen Wundinfektionen lag bei 2,26%, die Spannweite der Krankenhausergebnisse betrug 0,0 bis 13,0%.
Für Patienten der Risikoklasse 0 betrug die Gesamtrate der
postoperativen Wundinfektionen 1,49%, die Spannweite der
Krankenhausergebnisse betrug hier 0,0 bis 15,0%.
Diese Raten deuten auf eine insgesamt gute Versorgungsqualität hin.
Die erhebliche Spannweite für die nicht risikoadjustierte Rate ist mit
der Inhomogenität des Patientenkollektivs bei diesem Eingriff zu
erklären. Für die Bewertung der hohen Spannweite der Rate für Patienten
der Risikoklasse 0 ist zu berücksichtigen, dass hier für nur ein
Krankenhaus mit mindestens 20 Fällen die sehr auffällige Rate von 15,0%
ermittelt worden ist. Die Ursachen dieser Auffälligkeit werden im
Strukturierten Dialog zu klären sein.
Beim Vergleich mit den Daten aus dem NRZ ist zu berücksichtigen,
dass die NRZ-Komplikationsraten nicht zwischen Ersteingriffen und
Wechseleingriffen für Kniegelenk-Totalendoprothesen differenzieren.