Qualitätsziel
Möglichst oft postoperative Beweglichkeit Extension/Flexion von mindestens 0/0/90
Qualitätsindikator
Ziel des künstlichen Kniegelenkersatzes ist die Wiederherstellung einer
schmerzfreien Kniegelenkbeweglichkeit und Kniegelenkbelastbarkeit. Dies
gilt in gleichem Maße für die Kniegelenkteilendoprothetik wie für die
Kniegelenktotalendoprothetik.
Während in der unmittelbar postoperativen Phase eine Schmerzfreiheit
erfahrungsgemäß nicht erreicht werden kann, so ist doch eine nahezu
vollständige aktive Streckung und aktive Beugung bis 90 Grad als
postoperativ zu erreichende Grundvoraussetzung zu fordern, auf der die
weitere Übungstätigkeit des Patienten aufbauen kann. Die postoperative
Beweglichkeit lässt sich mit der international etablierten
Neutral-Null-Methode vergleichbar und überprüfbar untersuchen.
Allgemein gilt die Annahme, dass Patienten mit Kniegelenkteilersatz
rascher als Patienten mit komplettem Kniegelenkersatz (Newman et al.
1998, Beard et al. 2002, Yang et al. 2003) eine ausreichende
Gelenkbeweglichkeit erreichen, wobei die Beugung von 90 Grad häufig
eher erreicht wird als die volle Streckfähigkeit (Barck 2000). Die
Notwendigkeit ausgedehnter Rehabilitationsprogramme ist umstritten
(Weidenhielm et al. 1993).
Streckung
Bei vollständiger Streckung des Kniegelenkes ist das Gelenk ohne
zusätzliche Muskelarbeit stabil. Dies ist wichtig für das Stehen und
die Belastungsphase beim Gehen (Callaghan et al. 1995). Ein nicht
vollständig zu streckendes Knie muss durch den Quadrizepsmuskel aktiv
gehalten werden, dies verstärkt den Druck auf das Femoropatellargelenk
und kann zu dauerhaften Schmerzen führen. Zusätzlich wirken verstärkte
Kräfte auf die posteriore Hälfte des Tibiaplateaus und der
Femurkondylen ein. Eine derartige dauerhafte Fehlbelastung kann
Einfluss auf die Standzeiten der Prothese haben. Ein mildes
postoperatives Streckdefizit kann durch aktive Übungsbehandlung
innerhalb des ersten Jahres postoperativ ausgeglichen werden (McPherson
et al. 1994).
Beugung
Eine Beugefähigkeit des Kniegelenks von 67 Grad wird in der
Schwungphase des normalen Gangs benötigt. 93 Grad Beugung im Kniegelenk
sind notwendig, um von einem Stuhl ohne zusätzliche Hilfe aufzustehen.
Daraus erklärt sich das Ziel einer postoperativen Beugefähigkeit von
über 90 Grad (Laubenthal et al. 1972). Andere Autoren konnten in einer
Nachbeobachtungsstudie feststellen, dass im Falle einer Beugefähigkeit
von ≥ 70 Grad zum Zeitpunkt der Entlassung nach einem Jahr in der Regel
eine Beugefähigkeit von 102 Grad erreicht worden war (Schurman et al.
1985). Andere Autoren fordern als akzeptables funktionelles Resultat
eine Beugefähigkeit von mindestens 100 Grad (Itokazu et al. 1998).
Es gibt Hinweise dafür, dass Patienten mit Kniegelenkersatz einer
intensiveren Nachbehandlung bedürften, um nicht nur die Schmerzfreiheit
bzw.
-reduktion, sondern auch ein optimales funktionelles Ergebnis zu bewahren (Roos 2003).
Im Vergleich zu „kniegesunden“ Menschen bleiben allerdings
postoperative Einschränkungen zu erwarten (Jenny et al. 2002,
Hassaballa et al. 2003, Fuchs et al. 2003), dies umso mehr, je
eingeschränkter die Compliance des Patienten ist (Sharma et al. 1996).
Insgesamt weist die Vielzahl an Fallstudienpublikationen auf eine
Renaissance des Kniegelenkteilersatzes hin. Damit steigt die Chance,
dass zukünftig auch Ergebnisse aus größeren randomisierten Studien zur
Verfügung stehen, welche die Bewertung und den Vergleich der
funktionellen Ergebnisse erleichtern. Zurzeit muss man den
Kniegelenkteilersatz an den Maßstäben der Knietotalendoprothetik messen.
Die Fachgruppe Orthopädie und Unfallchirurgie fordert als Zeichen guter
Behandlungsqualität eine vollständige aktive Streckung und aktive
Beugung bis 90 Grad zum Zeitpunkt der Entlassung. Dieses funktionelle
Ergebnis stellt eine Grundlage für ein normales Gangbild und die
weitere aufbauende und erhaltende Übungstätigkeit des Patienten dar.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten (eingeschränkt auf plausible Werte bei Angaben zur Extension und Flexion)
Zähler: Patienten mit postoperativer aktiver Beweglichkeit von mindestens 0/0/90 Grad (Extension/Flexion)
Erläuterung der Rechenregel: Für die Beweglichkeit gelten als plausible
Werte bei Angaben zur Extension und Flexion: 0 - 10/0 - 150/0 - 150 Grad
Referenzbereich
Referenzbereich: ≥8,3% (5%-Perzentile)
Erläuterung zum Referenzbereich: Für das Vorliegen einer ausreichenden
postoperativen Beweglichkeit liegen vergleichbare Literaturergebnisse
mit Angaben nach der Neutrall-Null-Methode nicht vor. Die Fachgruppe
hat daher die 5%-Perzentile als Referenzbereich definiert.
Bewertung
Bei Knie-Schlittenprothesen lag die Rate von Fällen mit erreichter
postoperativer Beweglichkeit von mindestens 0/0/90 Grad bei 60,93% und
war damit fast identisch der entsprechenden Rate bei Knie-TEP (60,40%).
Diese Rate entspricht den Erwartungen der Fachgruppe und spiegelt eine
gute Versorgungsqualität wider.
Der Indikator bildet einen hohen Anspruch an die Beuge- und
Streckfähigkeit ab. Ein mildes postoperatives Streckdefizit kann in der
Regel durch aktive Übungsbehandlung innerhalb des ersten Jahres
postoperativ ausgeglichen werden (McPherson et al. 1994).
Auch bezüglich der Beugefähigkeit stellen 90 Grad ein optimales
Ergebnis dar. Auch Beugefähigkeitswerte, die diesem sehr nahe kommen
(z.B. 80 bis 89 Grad), sind akzeptabel.
Die nach Verweildauer stratifizierten Ergebnisse entsprechen den
Erwartungen. Bei Verweildauern unter 15 Tagen sind die
Beweglichkeitsergebnisse deutlich niedriger als bei längeren
Verweildauern. Bei Patienten mit Verweildauern über 25 Tagen haben
vermutlich Komplikationen vorgelegen.
Die vorliegenden Informationen können für zukünftige
Weiterentwicklungen der Auswertung genutzt werden. So sollte die
postoperative Beweglichkeit zukünftig nach Beuge- und Streckdefizit
getrennt analysiert werden.
Die Spannweite der Krankenhausergebnisse war mit 0,9 bis 100,0% extrem.
Zwei von 43 Krankenhäusern lagen außerhalb des Referenzbereichs
(5%-Perzentile). Bei den Krankenhäusern mit sehr niedrigen Raten soll
im Strukturierten Dialog überprüft werden, ob sehr kurze Verweildauern
oder Dokumentationsprobleme die auffälligen Ergebnisse mit verursacht
haben können.
Die präoperativen Bewegungsausmaße der betroffenen Patienten sollen im
Strukturierten Dialog zum Vergleich herangezogen werden. Bei sehr
starken präoperativen Bewegungseinschränkungen kann hier ggf. die
Indikation für die Implantation einer Schlittenprothese anstelle einer
Totalprothese in Frage gestellt werden.