Qualitätsziel
Möglichst viele Patientinnen mit Angabe des Pathologen zum Sicherheitsabstand
Qualitätsindikator
Ein ausreichend großer Sicherheitsabstand eines invasiven
Mammakarzinoms zum Resektionsrand bei brusterhaltender Therapie (BET)
ist von hoher prognostischer Relevanz. Verschiedene Studien (Veronesi
et al. 1990a, Veronesi et al. 1990b, Veronesi et al. 1990c) konnten
zeigen, dass die Rezidivrate bei der BET kleiner Tumoren nicht nur
durch eine postoperative Strahlentherapie, sondern auch durch das
Ausmaß der Exzision maßgeblich beeinflusst werden kann: Die Rezidivrate
nach 3 bis 5 Jahren Beobachtungszeit ließ sich durch eine radikalere
Exzision von 7% auf 2,2% reduzieren.
Gerade bei kleinen Tumoren ist die lokale Kontrolle von besonderer
Bedeutung, da diese Tumoren in überwiegender Zahl noch nicht hämatogen
gestreut haben. Die Nottingham-Gruppe hat in zwei großen Studien von
263 bzw. 275 Frauen mit primären Mammakarzinomen zeigen können, dass
bei Einhaltung eines Resektionsrandes von mindestens 5mm histologisch
die Rezidivrate bei BET von Tumoren unter 3cm von 21% auf 2,2% über
einen Beobachtungszeitraum von 36 Monaten gesenkt werden kann (Locker
et al. 1989, Sibbering et al. 1995).
Nicht nur beim invasiven Mammakarzinom, sondern auch beim duktalen
in-situ-Karzinom (DCIS) ist der Sicherheitsabstand von entscheidender
prognostischer Bedeutung: Der natürliche Verlauf eines DCIS oder eines
unzureichend therapierten DCIS ist durch Rezidivraten von etwa 30 bis
50% über Beobachtungszeiträume von wenigen Jahren bis zu mehreren
Jahrzehnten gekennzeichnet (Silverstein 2002). Die Hälfte dieser
Rezidive stellen invasive Karzinome dar.
Eine Heilung ist möglich, wenn der Tumor komplett operativ entfernt
wird. So beträgt in zwei verschiedenen Studien die Rezidivrate beim
DCIS nach Mastektomie 1%, die Letalität 1,3% bzw. 1,7% (Barth et al.
1995, Fowble et al. 1997). Im letzten Jahrzehnt hat sich beim DCIS
zunehmend die BET mit oder ohne postoperative Bestrahlung etabliert,
wobei die ausschließliche BET kleineren Läsionen vorbehalten ist. Die
Rezidivrate bei einem tumorfreien Exzidatrand von 1cm und mehr lässt
sich bei der BET eines DCIS auf 3% reduzieren. Dieselbe Studie fand
einen Anstieg der Rezidivrate auf 20% bei tumorfreien Resektionsrändern
von 1 bis 10mm, unter 1mm sogar auf 58% (Silverstein et al. 1999).
Sowohl für invasive Karzinome als auch für das DCIS ergibt sich also
die zwingende Notwendigkeit der Bestimmung des metrischen
Sicherheitsabstandes bei entsprechender systematischer morphologischer
Aufarbeitung.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patientinnen bei führendem histologischem Befund
„maligne“ (Schlüssel 7, Kodes 53-56, 60-63, 71) unter Ausschluss von
Patientinnen mit präoperativer tumorspezifischer Therapie
Zähler: Patientinnen mit Angabe des Pathologen zum Sicherheitsabstand
Referenzbereich
Referenzbereich: ≥95%
Erläuterung zum Referenzbereich: entspricht dem Referenzwert aus der
Stufe-3-Leitlinie Brustkrebs-Früherkennung in Deutschland (Schulz &
Albert 2003)
Bewertung
Die Angabe des Sicherheitsabstandes ist in 66,71% der Fälle erfolgt. Da
nur 50 von 453 Krankenhäusern mit mindestens 20 Operationen an malignen
Brusterkrankungen den Referenzbereich erreichen, scheint hier ein
ernsthaftes Qualitätsproblem zu bestehen. Neben tatsächlichen Mängeln
in der Versorgung sind Dokumentationsfehler zu erörtern. Definitive
Aussagen auch zur Versorgungsqualität bezüglich der Angabe eines
Sicherheitsabstandes sind allerdings erst nach der Analyse im
Strukturierten Dialog möglich.
Dieser Indikator ist auch deswegen von besonderer Bedeutung, weil er
die wichtige Schnittstelle zwischen der Chirurgie und Pathologie
abbildet.
Bei der Bewertung der Ergebnisse zu bedenken ist die Tatsache, dass
eine Angabe des Sicherheitsabstandes nicht automatisch bedeutet, dass
dieser ausreichend groß ist (siehe auch Qualitätsindikator „Tumorfreier
Präparateschnittrand“, Bundesauswertung 2003). Die wissenschaftliche
Diskussion zum Ausmaß des Sicherheitsabstandes ist derzeit nicht
abgeschlossen. Daher werden in diesem Jahr die Ergebnisse des
Qualitätsindikators „Tumorfreier Präparateschnittrand“ zur Darstellung
der Versorgungssituation verwendet, eine Qualitätsbewertung anhand
eines Referenzbereiches soll jedoch nicht erfolgen.