Qualitätsziel
Möglichst viele Patientinnen mit immunhistochemischer Hormonrezeptoranalyse bei invasivem Mammakarzinom
Qualitätsindikator
Vor über 30 Jahren wurde der Nachweis von Östrogen- (ER) und
Progesteron-Rezeptoren (PR) in Gewebsproben menschlicher Mammakarzinome
als Indikator für eine eventuell noch vorhandene Hormonabhängigkeit
individueller Tumoren herangezogen (Jensen et al. 1967, Maass et al.
1972, Horwitz & McGuire 1975). Diese Untersuchungsmethode wurde
damit Grundlage eines selektiven Einsatzes nebenwirkungsarmer
endokriner Behandlungsmaßnahmen. Die Weiterentwicklung des
Rezeptornachweises zur Routineanalyse ergab folgende Ansatzpunkte für
Diagnose und Therapie:
- die Verwendung als Prognosefaktor,
- die Verwendung als prädiktiver Parameter im Rahmen der Therapieplanung,
- die Nutzung als primärer Ansatzpunkt antihormoneller, speziell antiöstrogen wirksamer Medikamente.
Die prädiktive Bedeutung für die Therapieplanung hat höchste Relevanz.
In den Anfängen der klinischen Anwendung von Rezeptorbestimmungen galt
ein positiver Befund als ein wesentlicher Indikator für eine generelle,
noch vorhandene Hormonabhängigkeit und damit als geeignet für ein
breites Spektrum seinerzeit üblicher endokriner Behandlungsmaßnahmen
(Jensen et al. 1967, Maass et al. 1972).
Diese Erfahrungen bezogen sich zunächst auf die inkurable,
fernmetastasierte Erkrankung, ließen sich jedoch später auch auf den
adjuvanten, kurativen Behandlungsansatz erfolgreich übertragen.
Tumoren, in denen sowohl ER als auch PR nachgewiesen werden konnten,
sprachen häufiger und besser an auf eine endokrine Therapie im
Vergleich zu Fällen, die nur eine der beiden Rezeptor-Entitäten
aufwiesen (Übersicht bei Jonat & Maass 1982).
Seit Beginn der siebziger Jahre wurden ER nicht mehr nur als
Indikatoren einer Hormonabhängigkeit gesehen, sondern als unmittelbares
„target“ für antiöstrogen wirksame Substanzen genutzt (Übersicht bei
Buzdar 2001), sei es über eine direkte Blockade oder eine Modulation
der Rezeptoren. Bei fortgeschrittenen, metastasierten Mammakarzinomen
erwies sich eine relativ nebenwirkungsarme Therapie mit
Hormonantagonisten einer nebenwirkungsreichen Chemotherapie zumindest
gleichwertig oder sogar überlegen, sofern der Rezeptorbefund im
Tumorgewebe positiv war (Fossati et al. 1998, Stockler et al. 2000).
Inzwischen liegen auch umfangreiche klinische Studiendaten zum
adjuvanten, das heißt kurativen Einsatz der Antiöstrogene speziell des
Tamoxifen vor. Mit einer fünfjährigen oralen Behandlung nach lokaler
Primärtherapie ergibt sich bei Frauen mit einem positiven
Rezeptorstatus des Tumors eine eindeutige Verbesserung des
rezidivfreien und Gesamtüberlebens (Fisher et al. 1996). Diese Form der
adjuvanten Behandlung ist sowohl bei prä- als auch bei postmenopausalen
Frauen wirksam. Unter Bezug auf umfassende Metaanalysen ist die
rezeptorbezogene adjuvante Tamoxifen-Behandlung gegenwärtig als Methode
der Wahl zu betrachten (Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative
Group 1992, Early Breast Cancer Trialists’ Collaborative Group 1998).
Methode der Hormonrezeptoranalyse:
Initial erfolgte die Rezeptorbestimmung biochemisch über einen
Liganden-Bindungsassay. Mit Verfügbarkeit spezifischer Antikörper
wurden immunhistochemische Bestimmungsmethoden entwickelt, die
inzwischen die biochemischen Analysen weitgehend verdrängt haben
(Harvey et al. 1999, Cross et al. 2001). Dies gilt sowohl für die ER
als auch für die PR. Im Hinblick auf die semiquantitativen Befunde sind
qualitätssichernde Maßnahmen von besonderer Relevanz (Rhodes et al.
2000a, Rhodes et al. 2000b).
In allen Leitlinien und Konsensus-Empfehlungen gehört die
immunhistochemische ER- und PR-Bestimmung obligat in die
Primärdiagnostik und, sofern Gewebe verfügbar ist, auch in die
Rezidivdiagnostik (Leitlinien siehe gesonderte Aufstellung).
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Rezeptorbestimmung eine
prognostische Bedeutung auf dem Evidenzlevel IIa (AHCPR), eine
prädiktive Bedeutung auf dem Level Ia (AHCPR) und der
immunhistochemischen Untersuchungsmethode ein Level IIa (AHCPR)
zugeordnet werden kann.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patientinnen mit führendem histologischem Befund invasives Mammakarzinom:
60 = Invasiv-duktales Karzinom
61 = Invasiv-lobuläres Karzinom
62 = Tubuläres Karzinom
63 = Sonstige invasive Karzinome
Zähler: Patientinnen mit immunhistochemischer Hormonrezeptorenanalyse
Referenzbereich
Referenzbereich: ≥95%
Erläuterung zum Referenzbereich: Dieser Referenzbereich entspricht dem
Referenzbereich aus der Stufe-3-Leitlinie „Brustkrebs-Früherkennung in
Deutschland“ (Schulz & Albert 2003).
Bewertung
Als prognostischer und prädiktiver Faktor handelt es sich bei der
Bestimmung des Hormonrezeptorstatus um eine international anerkannte
Standarduntersuchung in der Diagnostik und Therapie des Mammakarzinoms.
Im Vergleich zum Verfahrensjahr 2002 (94,71%) wurde eine Analyse der
Hormonrezeptoren bei invasivem Mammakarzinom signifikant häufiger
dokumentiert. Das Ergebnis deutet mit durchschnittlich 96,50% auf ein
hohes medizinisches Versorgungsniveau in Bezug auf dieses Verfahren.
Die Zahlen belegen, dass die immunhistochemische Hormonrezeptoranalyse
als Standard in 384 von 469 deutschen Krankenhäusern mit mindestens 20
Fällen an Brustkrebspatientinnen etabliert ist.
Bei den 85 von 469 Krankenhäusern außerhalb des Referenzbereiches,
insbesondere bei dem Krankenhaus mit dem Wert 0%, soll auf Landesebene
im Strukturierten Dialog eine Ursachenanalyse erfolgen. Zusätzlich zu
Qualitätsmängeln in der Versorgung – wie z.B. mangelhafte Kooperation
mit der Pathologie – müssen an dieser Stelle auch Dokumentationsfehler
erwogen werden.
Auch für die Krankenhäuser mit weniger als 20 Fällen in der
Grundgesamtheit empfiehlt die Fachgruppe den Strukturierten Dialog bei
Unterschreiten des Referenzbereiches.