Qualitätsziel
Bevorzugt Operationen von Patienten mit hohem subjektivem Leidensdruck
Qualitätsindikator
Zur Quantifizierung der Beschwerden wurden in der Urologie mehrere
Symptomenscores entwickelt.
Diese Scores sind entweder vom Untersucher (z.B. Boyarsky-Index,
(Boyarsky et al. 1976), Madsen-Iversen-(MMAP-)Score (Madsen und Iversen
1983)) oder vom Patienten (z.B. Maine Medical Assessment Programme
Symptom Score (Fowler, Jr. et al. 1988), Dänischer Symptomenscore
DAN-PSS (Hald et al. 1991)) auszufüllen. Auch wenn es kein Symptom
gibt, das identisch in allen Scores abgefragt wird, so haben die Scores
gemeinsam, dass sie versuchen, die physische und psychische (subjektiv
empfundene) Beeinträchtigung des Patienten durch diese Beschwerden zu
messen.
Von Barry et al. wurde 1992 der American Urological Association
(AUA-)Symptomindex veröffentlicht (Barry et al. 1992). 1994 erhielt die
weiterentwickelte Version AUA-7 die Empfehlung des International
Consensus Committees unter der Schirmherrschaft der WHO. Der
Symptomindex stellt somit das weltweit empfohlene
Symptomenbeurteilungssystem für Prostatapatienten dar. Die deutsche
Übersetzung dieses Scores ist der Internationale Prostata-Symptom-Score
(IPSS). Der IPSS umfasst folgende 7 Symptome: unvollständige
Blasenentleerung, Pollakisurie, unterbrochene Miktion, Urge,
abgeschwächter Harnstrahl, Startprobleme bei der Miktion, Nykturie.
Jeder Frage wird vom Patienten ein Punktwert von „0“ (niemals) bis „5“
(fast immer) zugewiesen.
Als Symptomatikkategorien werden empfohlen: 0 bis 7 Punkte
leichtgradig, 8 bis 19 Punkte mittelgradig und 20 bis 35 Punkte
hochgradig symptomatisch. Zusätzlich kann aus verschiedenen Fragen ein
irritativer und ein obstruktiver Score errechnet werden.
Das International Consensus Committee empfiehlt eine zusätzliche
Frage zum Zielkriterium Lebensqualität (0 bis 6 Punkte). Sie soll die
Aussage ermöglichen, ob eine therapeutische Maßnahme über die
Symptomverbesserung hinaus weitere Relevanz für die Lebensqualität des
Patienten hat. Die mit dem IPSS gestellte Lebensqualitätsfrage ist in
der Praxis am weitesten verbreitet (Batista-Miranda et al. 2001).
Der IPSS-Score dient in erster Linie der Beurteilung von
Symptomveränderungen im Laufe einer Therapie, nicht zur Diagnostik. Die
Spezifität ist eher gering, d.h. auch bei anderen Erkrankungen wie der
Blasenausgangsstenose oder der Detrusorinstabilität werden
vergleichbare Scores wie bei der BPH erreicht (Hakenberg 1997, Schulze
2002). Aufgrund der Kürze gilt er als praktikabel, andere Scores mit
zusätzlichen Skalen, z.B. Belästigungsskalen (z.B. DAN-PSS), sind eher
für Studien geeignet.
Ein Vergleich der vier wichtigsten genannten Scores zeigte hohe
Aussagekraft bei allen Scores, aber eine besonders hohe Sensitivität
beim IPSS (Barry et al. 1992).
Verschiedene Studien haben den IPSS-Scores bei unterschiedlichen
Fragestellungen validiert. Ein IPSS-Score von >28 geht z.B. mit
über 90%iger Wahrscheinlichkeit mit einer Obstruktion einher (Netto et
al. 1996). Allerdings werden auch deutliche intraindividuelle
Schwankungen beobachtet (Witjes et al. 1996).
Die S1-Leitlinie der deutschen Urologen empfiehlt bei geringen
Beschwerden, d.h. bei einem IPSS-Score von <8, ein kontrolliertes
Zuwarten (Berges et al. 2003).
Die AUA-Leitlinien fassen die Studienergebnisse zum IPSS-Score bei
TUR zusammen: 3 bis 9 Monate bzw. 10 bis 16 Monate nach TUR liegt der
Score ca. 15 Punkte, 16 Monate nach TUR noch ca. 14 Punkte niedriger
als präoperativ (AUA 2003a).
Zusammengefasst ist die Anwendung des IPSS-Scores als ein Kriterium
für die Indikationsstellung zur Operation eine Empfehlung
internationaler Leitlinien. Für den bei diesem Qualitätsindikator
verwendeten Schwellenwert IPSS >20 oder Lebensqualitätsindex >3
besteht ein Expertenkonsens, jedoch keine evidenzbasierte Grundlage.
Einflussfaktoren
Alter, Zeitpunkt der Befragung
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten
Zähler: Patienten mit einer gültigen Angabe zum IPSS
Referenzbereich
Referenzbereich: ≥20%
Erläuterung zum Referenzbereich: Die Bestimmung eines
Symptomenscores ist – auch gemäß Leitlinie – möglichst vor jedem
Prostataeingriff zu fordern. Die Fachgruppe hat hier den fixen
Referenzbereich ≥20% festgelegt.
Bewertung
Eine Gesamtrate von nur 38,20% (2002: 42,11%) Fällen mit Bestimmung
des IPSS-Scores ist bedenkenswert. Unter dem Gesichtspunkt, dass die
Lebensqualität des Patienten einen hohen Stellenwert einnehmen sollte,
sollte hier eine häufigere Verwendung des IPSS angestrebt werden. Bei
den Häusern mit weniger als 20 Fällen haben mehr als die Hälfte (26 von
53) den IPSS überhaupt nicht bestimmt.
Die Spannweite der Krankenhausergebnisse ist mit 0 bis 100% extrem
hoch. Mit den außerhalb des Referenzbereichs liegenden Krankenhäusern
sollen die Gründe für die geringen IPSS-Dokumentationsraten erörtert
werden.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten mit bestimmtem und gültigem IPSS oder Lebensqualitätsindex
Zähler: Patienten mit IPSS ≥20 oder Lebensqualitätsindex >3
Referenzbereich
Referenzbereich: ≥58,1% (10%-Perzentile)
Erläuterung zum Referenzbereich: Zwar liegen für den in den
DGU-Leitlinien empfohlenen IPSS-Score aus internationalen Studien
Empfehlungen vor, ab welchem Punktwert eine Indikation zum Eingriff
anzunehmen ist. Ein evidenzbasierter Anhalt dafür, wie oft ein
IPSS-Score von über 20 vorliegen sollte, ist aber nicht ableitbar. Die
Fachgruppe wählte daher den Verteilungskennwert 10%-Perzentile als
Referenzbereich.
Bewertung
Die Gesamtrate von 79,58% Patienten mit hohem Leidensdruck (IPSS
>20 oder Lebensqualitätsindex >3) – bezogen auf die mit IPSS
dokumentierten Fälle – ist ein gutes Ergebnis. Es zeigt, dass bei der
Indikationsstellung der hohe Leidensdruck der Patienten angemessen
berücksichtigt wurde. Da ein fixer Referenzbereich nicht festgelegt
wurde, führt die Festlegung der 10%-Perzentile (≥58,1%) dazu, dass 27
der 280 Krankenhäuser mit mindestens 20 Fällen in den Strukturierten
Dialog einbezogen werden sollten.