Qualitätsziel
Grundsätzlich Antibiotikaprophylaxe
Qualitätsindikator
Eine postoperative Infektion bei einem elektiven, standardisierten
und aseptischen chirurgischen Eingriff wie der Implantation eines
Gelenkersatzes ist eine schwere Komplikation, die das individuelle
Operationsergebnis erheblich beeinträchtigen kann. Lange
Hospitalisationszeiten, Antibiotikatherapie und Reoperationen führen zu
einer erheblichen Kostensteigerung im Vergleich zu unkompliziert
verlaufenden Fällen (Palmer 2002).
Die Wirksamkeit der perioperativen Antibiotikaprophylaxe ist für die
Vermeidung von Protheseninfekten in der Hüftendoprothetik (Evidenzgrad
Ib nach SIGN) unbestritten und findet sich in den internationalen
Leitlinien zur Endoprothetik ebenso wie in internationalen Leitlinien
zur Antibiotikaprophylaxe (SIGN 2000, Mangram et al. 1999, Bernasconi
& Francioli 2000, Stürmer et al. 1999, ASHP Therapeutic Guidelines
1999, Dellinger et al. 1994, Arbeitskreis Krankenhaushygiene der AWMF
2004).
Die Implantation von Fremdmaterialien erhöht das Risiko einer
Wundinfektion (Gristina & Costerton 1984). Dieses Risiko gilt es
durch schonende Operationstechniken, möglichst kurze Operationszeiten
und durch eine angemessene Antibiotikaprophylaxe zu minimieren.
Eine angemessene Antibiotikaprophylaxe reduziert die Rate an
Wundinfektionen unter Vermeidung von Nebenwirkungen, wie z.B. der
Clostridium-difficile-Kolitis, und begünstigt nicht die Ausbildung von
antibiotikaresistenten Keimen.
„Single shot“-Prophylaxe
In einer randomisierten kontrollierten Studie zur
Antibiotikaprophylaxe beim Hüftgelenkersatz (Wymenga et al. 1992)
konnte kein statistisch signifikanter Unterschied von perioperativer
einmaliger zu dreimaliger Antibiotikagabe gefunden werden. Die SIGN
45-Guideline empfiehlt die einmalige („single shot“) Antibiotikagabe
mit dem Evidenzgrad Ib (SIGN 45).
Clostridium-difficile-Kolitis tritt nach single shot-Prophylaxe
seltener auf als nach länger dauernder Antibiotikagabe (Privitera et
al. 1991).
Zum Zeitpunkt der Hautinzision sollten wirksame Gewebespiegel des
verwendeten Antibiotikums erreicht sein. Dies ist in der Regel gegeben,
wenn das Antibiotikum zwischen 2 Stunden und 30 Minuten zuvor
appliziert wird. Die in diesem Zeitfenster verabreichte Einmalgabe ist
mit den geringsten Wundinfektionsraten korreliert. Frühere oder spätere
Gabe lassen schlechtere Ergebnisse erwarten (Classen et al. 1992). Nach
SIGN 45 kann dieses Vorgehen mit dem Empfehlungsgrad A eingestuft
werden.
Viele Antibiotika haben relativ kurze Halbwertzeiten von 1 bis 2
Stunden. Daher wird diskutiert, bei Operationszeiten von mehr als 2
Stunden eine intraoperative Zweitgabe zu verabreichen. Die Verfasser
der SIGN-Guideline weisen jedoch darauf hin, dass in intraoperativen
Studien auch nach 5 Stunden Operationszeit noch wirksame Spiegel eines
Antibiotikums mit angegebener Halbwertzeit gemessen wurden (Van
Dijk-Van Dam 1996). Sie empfehlen daher, grundsätzlich die
intraoperative Zweitgabe bei länger dauernden Operationen zu erwägen,
diese aber in das Ermessen des Operateurs zu stellen. Auch bei hohen
Blutverlusten (ab 1500ml) wird eine Wiederholungsdosis des
Antibiotikums empfohlen (SIGN Empfehlungsgrad B).
In einer randomisierten Studie (Dehne et al. 2001) konnten bei Nutzung
eines Autotransfusionssystems keine verminderten Serum- und
Knochengewebespiegel im Vergleich zur OP ohne Nutzung eines
Retransfusionssystems nachgewiesen werden. Vier Stunden nach
Antibiotikaapplikation wurden im Knochengewebe allerdings
Antibiotikakonzentrationen unterhalb des Wirkspiegels gemessen. Die
Autoren empfehlen daher bei länger dauernden Operationen die
intraoperative Zweitgabe des Antibiotikums.
Prophylaxe 24 Stunden perioperativ
Die ASHP Therapeutic Guidelines (1999) empfehlen im Gegensatz zu
SIGN die Gabe von 1g Cefazolin bei Narkoseeinleitung und weitere
8-stündige Gabe über 24 Stunden.
Eine aktuelle Evaluation aus dem norwegischen Endoprothesenregister
kommt zu folgendem Ergebnis: Revisionsraten nach
Hüftgelenktotalendoprothesenimplantation waren am geringsten, wenn
folgendes Schema zur Antibiotikaprophylaxe angewandt wurde: 4-malige
Gabe eines parenteralen Antibiotikums (Cephalosporin oder Penicillin)
plus Verwendung eines antibiotikahaltigen Knochenzements (Engesaeter et
al. 2003).
Antibiotikahaltiger Knochenzement
Die Ergebnisse aus dem norwegischen Endoprothesenregister
(Engesaeter et al. 2003) weisen tendenziell darauf hin, dass die
routinemäßige Verwendung von antibiotikahaltigem Knochenzement die
Raten tiefer Wundinfekte reduziert.
Leitlinien mit Hinweisen zur Verwendung antibiotikahaltigen Knochenzements stehen zurzeit nicht zur Verfügung.
Methodik
Rechenregel:
Grundgesamtheit: Alle Patienten
Zähler: Patienten mit Antibiotikaprophylaxe
Referenzbereich
Referenzbereich: ≥95%
Erläuterung zum Referenzbereich: Da der Nutzen einer Antibiotikagabe
bei Endoprotheseneingriffen in der Literatur belegt ist, hat die
Fachgruppe einen Referenzbereich von ≥95% festgelegt. Nur in seltenen
begründeten Fällen sollte auf eine Antibiotikagabe verzichtet werden.
Da zur Art und Häufigkeit der Applikation keine evidenzbasierten
Erkenntnisse bestehen, wurde kein Referenzbereich für die
intraoperative Zweitgabe festgelegt. Im Strukturierten Dialog sollte
erfragt werden, ob ggf. statt peripherer Antibiotikaprophylaxe
Antibiotika im Zement verwendet wurden.
Bewertung
Insgesamt wurde bei 97,58% aller Patienten in diesem
Leistungsbereich eine Antibiotikaprophylaxe durchgeführt. Damit kann
eine gute Versorgungsqualität bei der Hüft-TEP-Versorgung in
Deutschland festgestellt werden. Im Krankenhausvergleich liegen 71 von
795 Krankenhäusern außerhalb des von der Fachgruppe geforderten
Referenzbereichs von ≥95%. Besonders auffällig ist ein Krankenhaus, in
dem in keinem Fall eine Antibiotikaprophylaxe dokumentiert worden ist.
Hier soll im Strukturierten Dialog analysiert werden, ob es sich um ein
Dokumentations- oder ein Versorgungsproblem handelt.