Kritische Aspekte der Nutzung und Bewertung evidenzbasierter Literatur und Leitlinien
Die Prinzipien der evidenzbasierten Medizin sind eine entscheidende
Grundlage für externe Qualitätssicherungsmaßnahmen. Evidenzbasierte
Literatur und Leitlinien ermöglichen die Entwicklung von validen
Qualitätsindikatoren (Antes et al.1999).
Für die Darstellung der Qualitätsindikatoren und die Festlegung der
Referenzbereiche wurde im BQS-Qualitätsreport die Evidenzquelle
dargestellt und gegebenenfalls bewertet. Für die Interpretation dieser
Darstellung müssen einige kritische Aspekte beachtet werden.
Insbesondere muss die mögliche Fehlinterpretation vermieden werden,
nach der hohe Evidenzstufen immer eine höhere Aussagekraft hätten als
niedrigere Evidenzstufen und damit automatisch „besser“ seien.
- Die Einteilungen der Evidenzstufen sind nicht linear: Der
Goldstandard sind systematische Übersichtsarbeiten. In der häufig
verwendeten Klassifikation von AHCPR und ÄZQ
entsprechen diese systematischen Übersichten für prospektiv
randomisierte Studien der Evidenzstufe Ia, während das Vorliegen einer
einzigen prospektiv randomisierten Studie (ohne Bewertung deren
methodischer Qualität) eine Einstufung nach Ib begründet. Beide Fälle
werden in manchen Darstellungen als Evidenzstufe I dargestellt, ohne
dass so deutlich wird, dass ein gravierender Unterschied
in der Aussagekraft vorliegt. Erst seit kurzer Zeit werden
systematische Übersichten auch für Studien der Evidenzstufe II
differenziert dargestellt (SIGN 2004).
- Eine Studie der Evidenzstufe III ist für manche Fragestellungen
aussagekräftiger als eine prospektiv randomisierte Untersuchung. Für
die Festlegung von Referenzbereichen bei Ergebnisindikatoren
(Beispiel: Sterblichkeitsrate) ist eine umfangreiche Beobachtungsstudie
aussagekräftig. Die Ergebnisse prospektiv randomisierter Studien lassen
sich – insbesondere bei kleinen Fallzahlen – für diese Fragestellung
oft nicht verallgemeinern (externe Validität) (Antes 2004, Perleth
& Raspe 2000).
- Bislang erfolgte die Zuordnung zu
Evidenzstufen meist nur über
den Typ der Untersuchung. Die methodische Qualität der jeweiligen
Untersuchungen wird erst seit kurzer Zeit für die Zuordnung zu den
Evidenzstufen systematisch berücksichtigt (Perleth & Raspe 2000,
SIGN 2004).
- Für manche Fragestellungen können aus ethischen
Gründen
prospektiv randomisierte Studien nicht mehr durchgeführt werden und
damit kann eine Evidenzstufe I nicht mehr erreicht werden. Der Nutzen
einer operativen Entfernung des Wurmfortsatzes (Appendektomie) bei
akuter Entzündung ist unbestritten, aber nicht durch eine prospektiv
randomisierte Studie belegt. Der Nutzen der Behandlung kann nur auf der
Evidenzstufe des Expertenkonsenses belegt sein.